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26.07.06
Medienkultur als Ludothek und Pilgerziel
Carmen Weisskopf

Ein Projekt mit Reisebüro im Zürcher Dock18 bietet Medienkultur zum Anfassen. Gerade ist die Ausstellung «Travelling New Territories» um eine Woche verlängert worden. Übers Wochenende wird zusätzlich ein Radiostudio aufgebaut; für die erste Augustwoche sind Live-Sendungen auf der Frequenz von LoRa und tägliche Präsentationen der Ausstellungsteilnehmer/innen geplant.

Von Zürich aus lässt es sich nicht nur online auf dem Datenhighway surfen, man kann auch reale Reisen in die Informationslandschaft machen. «Travelling New Territories» heisst das Projekt, angeboten noch bis Anfang August durch das Zürcher «Dock 18». Hier entstand für junge Medienkünstler/innen eine Ausstellungsplattform, die in Gestalt eines «Reisebüros» den Arbeiten einen gemeinsamen medialen Raum zu schaffen sucht. Er stellt den KünstlerInnen im Vergleich zum White Cube erweiterte Präsentationsmöglichkeiten zur Verfügung. «Travelling New Territories» ist dreiteilig: Es verbindet «Things» und «Trips» mit «Points» und schafft so über drei unterschiedliche Veranstaltungsformate Zugang zu den Inhalten der Ausstellung.

«Rolywholyover» des Schweizers Roli Roos ist zugleich Abspiel- und Aufnahmegerät. Wird es langsam durch den Raum bewegt, kombiniert es das Abspielen einer Komposition mit dem Registrieren von Umgebungsgeräuschen - und der Hörer ist zugleich Co-Komponist und Interpret.

«Things» werden die Ausstellungsobjekte genannt, die in einer Mischung aus Ausstellung und Ludothek im «Dock 18» gezeigt werden. Die «Trips» sind konkrete Reisen und Ausflüge zu strategischen Orten («Points»), welche die Informationslandschaft prägen und konnten in den letzten zwei Monate auf der Webseite »www.sofatrips.com gebucht werden.

Things – Repräsentationsobjekte für Medienkunst
Jedes der ausgestellten Objekte steht für ein Medienkunstprojekt, für eine Medienpraxis oder für einen informationspolitischen Zusammenhang. Gezeigt werden elektronische, kommunikative und informierte Objekte, Gadgets und mobile Wahrnehmungsmaschinen. Alle Objekte können vor Ort benutzt, ausprobiert und ausgeborgt werden. Mit ihrer Benutzung eröffnen sie eine jeweils eigene Sicht auf politische, soziale oder kulturelle Zusammenhänge in der Informationslandschaft und illustrieren dabei die «Points», die strategischen Orte, welche bereist werden. Auf den Reisen werden die KünstlerInnen zu ReiseleiterInnen und VermittlerInnen zwischen den Reisenden, den Destinationen und den Inhalten, die sie in ihren künstlerischen Arbeiten thematisieren.

Eines dieser Objekte ist das «Verstrickungsset» von Arnold Reinthaler aus Österreich, vorgeführt und angewandt auf der Sofatrips-Reise ins CERN in Genf. Das CERN als Geburtsort des World Wide Web ist eine Reise zu den Anfängen des Internet: Tim Berners-Lee, Mitarbeiter des Forschungszentrums CERN, erfand 1991 das WWW in seiner heutigen Form. Mit Hilfe des «Verstrickungssets» von Arnold Reinthaler wird zum Dank eine partizipative Patchwork-Strickweste für Tim Berners Lee gestrickt. Ganz im Sinne des Grundgedankens des WWW lädt Reinthaler zu einer strickenden Vernetzung ein, um «im Hintergrund Aufgaben zu erledigen, damit wir in Gruppen besser zusammenarbeiten können» (Berners-Lee). Alle Reisenden und das Publikum der Ausstellung sind aufgefordert, an einer gemeinsamen Weste für den «Knight of the Web» mitzustricken. Repräsentiert wird das Verstrickungsset durch zwei Stricknadeln und Wolle.


Auch ganz Handfestes zeigt die Ausstellung: das Angebot zum Doppelgänger des derzeitigen «Kulturministers» Heinrich Gartentor oder den mobilen Vulkan von Zeljka Marusic und Andreas Helbling.

Eine Hängematte und ein Radiogerät stehen für den «mobilen Webstream, in dem die Sonne niemals untergeht». Das künstlerische Radio »Radiosolarkompass von Anja Kaufmann und Roman Häfeli experimentiert mit akkustischen Signalen in Kontext medialer Vernetzung. Über das Internet werden die Streams von Radiostationen aus der ganzen Welt abgegriffen und dann im Radio jeweils dann abgespielt, wenn die Sonne über der jeweiligen Radiostation aufgeht. Es entsteht eine Komposition aus Sendesequenzen und Rauschen (wenn die Sonne gerade über dem Meer oder unbesiedeltem Gebiet aufgeht), welche die Erdrotation hörbar werden lässt.

Trips und Points: Reisen in digitale Welten
Über das Angebot von insgesamt fünf realen Reisen schuf die Ausstellung «Travelling New Territories» eine zweite Zugangsebene: Anstelle des herkömmlichen Ausstellungsrundgangs wurden während zweier Monate geführte Reisen aus dem Ausstellungsraum hinaus zu Orten organisiert, mit denen sich die Künstler/innen direkt oder indirekt auseinandergesetzt haben. Nach der Reise ins CERN führte die Reise zu verschiedenen Knotenpunkten der Zürcher Medienkultur. Ähnlich den psychogeografischen Stadtwanderungen der Situationisten wurden in einer Stadtrundfahrt verschiedene Orte besucht: der Arbeitsort des Datenschutzbeauftragten der Stadt, die Produktionsstätten von Google und anderer Software, verschiedene Kunsträume, Medialabs und Sendestationen.


Abstecher in die Informationslandschaft Zürich


«Travelling New Territories» wagt den Versuch, künstlerische Formate zu vermitteln, die in einem reinen Ausstellungskontext schwer erfahrbar zu machen sind. Dazu ist
die Mischung aus Ludothek und Vermittlugsreisen sehr gut geeignet. Zwar fordert «Travelling New Territories» von der Besucherin, dem Besucher für die Betrachtung etwas mehr Zeit und Geduld. Dafür ist es erlaubt, hinter und unter die Dinge zu sehen und einzutauchen in eine Kunst, die mehr ist als Ausstellungsobjekt: Sie führt in unbekannte Gebiete und reflektiert die Informationslandschaften, in denen wir leben. Art is a helpful thing.

Information:

«Sofatrips.com» und «Travelling New Territories»
ein Projekt von Wildprovider, kuratiert von Mario Purkathofer

Dock18, Raum für Medienkulturen, Grubenstrasse 18, Zürich
Öffnungszeiten noch Donnerstag/Freitag, 16.00 bis 22.00 Uhr, bis 28. Juli.
Verlängert bis 6. August, geöffnet Montag bis Sonntag, 19.00 bis 22.00 Uhr.
Für das Sonderprogramm im August siehe die untenstehenden Links.

Links: »Unser Gespräch mit dem Kurator Mario Purkathofer
»www.dock18.ch
»www.sofatrips.com
»Radiosolarkompass