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24.01.05
Erkenntnis oder Zeitvertreib?
Annina Zimmermann
Neu lockt auch noch Studer/vdBergs boshaftes Spiel auf den «56kTV – bastard channel» von Reinhard Storz.

Was versprechen wir uns eigentlich vom Fernsehen, von den elektronischen Medien überhaupt? Erkenntnis oder Zeitvertreib? Auf unterhaltsame Weise untersucht derzeit das von Reinhard Storz kuratierte Netzkunstprojekt «56kTV – bastard channel» die Verwandtschaft und Differenz von Fernsehen und Internet. Die Reihe sogenannter «Sendungen», die internationale Künstler/innen für www.56k-Bastard.tv produziert haben, nehmen Bezug auf die Formate gängiger Sendeformate wie Nachrichten, Talkshows und Soap – natürlich nicht, ohne das Vertraute unter den Bedingungen der Computerkultur tiefgreifend zu verwandeln, zu befragen oder auch auf die Schippe zu nehmen. Noch immer werden fortlaufend neue Beiträge aufgeschaltet. Eben ging ein Spiel von Studer/vdBerg online. Beat Brogle versprach seinen Beitrag rechtzeitig für die Ausstellung «Mapping New Territories», die Ende Monat in St. Gallen eröffnet.


Das Spiel «Travelogue» von Studer/vdBerg ist neu online auf dem «56kTV – bastard channel».

Neu ergänzen nun also Monica Studer und Christoph vd Berg den Medienzwitter um ein boshaftes Mistery-Spiel. Wir finden uns wie an einer Playstation in einer virtuellen Umgebung wieder, die allerdings denkbar wenig abenteuerlich scheint: ein Hotelzimmer. Ein Rundblick via Mausklick zeigt Bett, Nachtkasten, Tür, Pult, TV. Kleinere Interaktionen fördern dann auch noch Bibel, Aschenbecher, Zimmerschlüssel zu Tage. Sind Sie schon einmal gestrandet im charakterlosen Hotelzimmer einer fremden Stadt? Man braucht gar nicht erst die Instruktionenen zu lesen um zu wissen, worum allein es hier gehen kann: Flucht.

Dennoch: Wer das zu wörtlich versteht, klopft bald vergeblich mit der Maus an den blockierten Notausgang. Denn längst sind die elektronischen Medien das wirksamste Fluchtvehikel. Nur mit Geduld lernen wir uns den Weg frei zu klicken, wobei der Schreibstift – mittels dem sich manch’ ein Künstler eins aus der Dachkammer hinaus fantasierte – allenfalls noch beim Flicken einer Parabolantenne zum Einsatz kommt. Denn das ist ja die Ironie, die zeitgleich mit den Glücksversprechen bei allen neuen Apparaten mitgeliefert wird: Meist scheitern ihre potenziellen User an den banalsten Wackelkontakten. So auch hier, wo die Mängel der Energieversorgung (Batterie), Finanzierung (Jetons) und Materialbruch in schöner Vollständigkeit die Flucht ins multimediale Nirwana behindern. Das unterhaltsame Spiel kokettiert mit dieser Frustration, kommentiert per Hilfsfunktion mit Studer/vdBergs berüchtigtem Hang zu augenzwinkernder Besserwisserei.


Soo offenkundig ist der Fluchtweg dann doch nicht.

Schon die frühere Arbeit www.vuedesalpes.com des Basler Künstlerpaars lud zur virtuellen Reise. Ein wunderbares Alpenpanorama, die nostalgische Möblierung eines Berghotels versprachen be'schwer'defreie Erholung im virtuellen Raum. Doch auch hier ist die Welt begrenzt – nicht nur durch die sehr restriktiven Möglichkeiten der Interaktion via Mausklick. Das Erlebnis dieser Landschaft ist natur-, pardon: mediengegeben ein klaustrophobes. Die Landschaft dehnt sich nur gerade so weit, als die Programmierer sie errechnet haben. Unsere Augen ertasten die virtuos im digitalen Programm rekonstruierte Oberfläche der Bergflanken, doch selbst hinter der höchsten Krete öffnet sich kein nächstes Tal, allenfalls noch der Code. Der virtuelle Raum suggeriert freie Navigation. Doch was immer wir betreten können, sind sozusagen ausgetretene Pfade.

Mit unser Klicken folgen wir so den Entwürfen der Programmierenden, schleichen sozusagen deren Hirnwindungen entlang. Im Hotelzimmer des neuen Spiels auf Reinhard Storz’ «Bastard-TV» erhält diese stets latente Platzangst eine neue Dringlichkeit.

Ausstellung: «56kTV – bastard channel», eine Co-Produktion von Reinhard Storz und der Kulturstiftung Pro Helvetia, besucht man auf dem Netz. Vorsicht: Das Spiel ist - wie eine TV-Sendung - nur zu bestimmten Programmzeiten auf Sendung.

Für Mai ist im Basler [plug.in] auch eine Präsentation im Raum geplant, das Projekt nimmt zudem an der vom Bundesamt für Kultur/sitemapping, [plug.in] und der Neuen Kunst Halle in St. Gallen geplanten Ausstellung Teil:

«Mapping New Territories»
Neue Kunst Halle St. Gallen
Davidstrasse 40
9000 St. Gallen
bis 27. März
Links: »56k TV bastard channel  
»Mapping New Territories