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Dass das erste Panorama-Bild des Titan von einem Privatmann
hergestellt wurde, ist dem Kommunikationsmittel Netz geschuldet. Am Freitag,
14. Januar dieses Jahres, trat die Raumsonde Huygens in die Atmosphäre
des Saturn-Mondes Titan ein. Unter dem Datenmaterial, das von Huygens
auf die Erde gelangte, waren auch die rund 1000 ersten Nahaufnahmen des
Mondes. Die an dem Raumfahrt-Projekt mitbeteiligte University of Arizona
stellte die Daten für fünf Minuten irrtümlich ins Netz
und damit unfreiwillig der Allgemeinheit zur Verfügung.

Christian Waldvogels Panorama-Bild des Saturn-Mondes
Titan.
Waldvogel spricht vom „wunderbar schnellen Reagieren der Internet-Gemeinde
auf das Leck“, denn die fünf Minuten genügten einer kleinen
Gruppe von Amateur-Astronomen, die Bilder zu kopieren. Waldvogel fand
sie am Sonntagnachmittag im Netz und ging sogleich daran, aus den disparaten
Einzelbildern ein Panorama zusammenzubauen: „Es war eine ganz kleine
Gruppe von Leuten, die sich an die Puzzle-Arbeit machte. Für eine
kurze Zeit verfügten wir über die besten Ortskenntnisse auf
dem Titan, vielleicht noch die Mitarbeiter der ESA und NASA ausgenommen.“
Waldvogel schickte sein Bild auf die private Homepage des belgischen Biologen
Anthony Liekens, der alle Bild-Kompositionen ins Netz stellte.

Die Presse übernimmt das Bild.
Doch Waldvogels Panorama machte das Rennen: Es war schliesslich das erste
Bild des Titan, das die Leser der London Times zu Gesicht bekamen.
Räuberpistole als Teil der Kunst
Die Times bezeichnete die Adhoc-Community, auf die Waldvogel gestossen
war, als „amateur space enthusiasts“. Würde man nun aber
Waldvogels Bild als Kunst auffassen wollen, wie liesse sich das Künstlerische
daran fassen? In die junge Tradition der Netzkunst passte Waldvogels Bild
gut, paradoxerweise freilich dabei zuerst einmal eher in jenen Strang
der Netzkunst, der nicht bildorientiert ist. Für diesen Strang ist
charakteristisch, dass das Künstlerische weniger in einem Endprodukt
denn in einem Kommunikationsgeschehen liegt. Ja, der Nerv dieser Kunstform
liegt oft in den abenteuerlichen Geschichten, die sich um einzelne Aktionen
ranken. Waldvogels Bild, an einem Sonntagnachmittag in demiurgenhafter
Einsamkeit und in Wettlauf mit der Zeit zusammengebaut, ist eine solche
Geschichte, deren Bedeutungspotential und Charme sich durch die Betrachtung
des Bildes nicht erschliesst. Doch Waldvogel, der von 1992 bis 1999 an
der ETH Zürich Architektur studierte und sogar viele Jahre als Webdesigner
und Programmierer arbeitete, bezeichnet sich nicht als Medien- und schon
gar nicht als Netzkünstler. Seine Selbstbeschreibung lautet: Künstler,
Architekt und Musiker.
Geplünderte Erde, götterfreier Himmel
Der Kunstcharakter von Waldvogels Hauptprojekt „Globus Cassus“
(cassus=hohl, leer) liegt offener zutage. Anstelle eines nur feinen Spiels
mit fotorealistischen Erwartungen, wie es bei der Komposition des Titan-Bildes
vorliegt, gibt Waldvogel in „Globus Cassus“ dem Möglichkeitssinn
ungleich grösseren Spielraum.

Aus der alten Erdmasse entsteht der neue Globus
Cassus.
“Globus Cassus” ist kühnste architektonische Phantasie:
Aus der herkömmlichen Erdkugel mit ihrem Durchmesser von 12'000 Kilometern
soll ein Hohlkörper mit einem Durchmesser von 85'000 Kilometern werden.
Dazu braucht es vier Türme, die je 150'000 Kilometer ins Weltall
hinausragen. Von diesen Türmen aus wird die neue Erde als Hohlkugel
um die alte gespannt; die Innenfläche der Hohlkugel bildet die neue
Erdoberfläche. Dafür wird die alte Welt ausgeweidet, so dass
nach Fertigstellung des neuen Globus dessen Zentrum, der Sitz der alten
Welt, leer ist. Der Himmel des neuen Globus erscheint dabei nicht mehr
als unermessliches, götterbergendes Universum, sondern wird ganz
irdisch von der Innenfläche der 150 Kilometer dicken Erdschale begrenzt.
Das klingt nach Enge, doch gerade das Gegenteil ist nach Waldvogels Berechnungen
der Fall: Die Menschen haben auf dem mit gigantischen Fenstern durchbrochenen
“Globus Cassus” im Gegenteil viel mehr Platz, „die absolute
Wahlfreiheit des Wohn- und Lebensraumes ist gewährleistet“,
wie Waldvogel schreibt. Globus Cassus ist eine Utopie.
Jahrtausendprojekt
2003 stellte Waldvogel seine Utopie dreimal in Form einer Ausstellung
vor, 2004 repräsentierte „Globus Cassus“ an der Architektur
Biennale in Venedig die Schweiz und aus diesem Anlass ist die Utopie beim
experimentierfreudigen wie renommierten Lars Müller Verlag in Buchform
erschienen. Die anlässlich der Leipziger Büchermesse Anfang
dieses Jahres als zweitschönstes Buch der Welt ausgezeichnete Publikation
stellt momentan das Herzstück von „Globus Cassus“ dar:
In einem ersten Teil wird die Entstehung der Hohlwelt als Schöpfungsmythos
erzählt, im zweiten wird dasselbe Geschehen als technisch-architektonisches
Ereignis simuliert. Darauf folgt eine kleine Textsammlung, die durch den
Essay „Unter dem Himmel der Moderne“ des in Karlsruhe lehrenden
Kunsttheoretikers Boris Groys beschlossen wird.

«Weit weg gibt es nicht mehr», 2004,
Lightjet hinter Acryl-Glas, 475 x 267cm.
Zur Moderne gehört für Groys nicht nur der Umstand, dass die
Götter ausgesperrt werden wie in Waldvogels irdisch begrenztem Himmelszelt.
Zur Moderne gehört auch ein neuer Künstlertypus: Dieser Künstler
schöpft nicht mehr fertige Welten sprich vollendete Kunstwerke, sondern
unterhält Projekte. Dieser Künstlertypus kann nicht wie der
biblische Gott nach der Schöpfung nobel zurücktreten, sondern
bleibt als Projektmacher weiter im Spiel. Die Realisierung von Waldvogels
Utopie, auf dem “Globus Cassus” eine bessere Welt entstehen
zu lassen, wird Waldvogel und seine möglichen Nachfolger gleich „einige
Jahrtausende in Anspruch nehmen“, so Groys. Waldvogels Projekt wird
zum Paradefall moderner Kunst.
Utopisches Moment der 90er Jahre
Es ist schon einige Jahre her, dass derselbe Groys in einem Essay der
Zeitschrift “du” die in den 90er Jahren erträumte grosse
Zukunft der Netzkunst als eigenständiges Kunstgenre angezweifelt
hat. Gerade jener Strang, der weniger bild- denn prozessorientiert arbeitet,
erregte dabei seine Zweifel. Die Entwicklung hat ihm recht gegeben. Waldvogels
künstlerisches Schaffen zeigt jedoch, dass das Kommunikationsmedium
Internet zwar kein gleichsam hauseigenes Kunstgenre und schon gar keinen
eigenen Künstertypus erzeugen - und trotzdem sich als wichtiger Faktor
zeitgenössischer Kunst behaupten kann. Für „Globus Cassus“
ist das Netz mindestens in zwei Punkten wichtig. Die erste Punkt betrifft
Waldvogels Mut, dem Utopischen Raum zu schaffen. Waldvogel gehört
zu der kleinen Architektengruppe, die 1996 die Ausstellung „!HelloWorld?“
in der Galerie des Museums für Gestaltung Zürich organisierten.
Die Ausstellung sollte das eben erst popularisierte Internet einer breiteren
Öffentlichkeit als kulturelles Phänomen näherbringen und
ist im Rückblick ein berührendes Zeugnis für die Begeisterung
und Hoffnungen, welche das neue Medium damals weckte. In „Globus
Cassus“ hat sich etwas vom damaligen Feuerwerk des utopischen Denken
bewahren, aber vor allem in ganz eigenständiger Weise künstlerisch
verdichten können.
Phänotyp Open Source
Der zweite Punkt ist konkreter, denn neben Austellung und Buch existiert
das Langzeitprojekt „Globus Cassus“ seit 1998 auch auf dem
Netz. Waldvogel beschreibt diese künstlerische Strategie der medialen
Vielsträngigkeit als Verhältnis von Geno- und Phänotyp.
Eine künstlerische Idee wie diejenige des “Globus Cassus”
(Genotyp) kann zu verschiedenen Ausgestaltungen (Phänotypen) führen.
Als www.waldvogel.com/globus-cassus wird das Projekt zur „Open Source
Art“, die zur Teilnahme einlädt. Denn schliesslich hat Waldvogel
mit seiner kühnen Konstruktion eine Art Hohlform des Utopischen geschaffen,
die weitergedacht werden kann und soll. Der Open-Source-Gedanke und die
Orientierung am Linux-Modell liegen nahe. Wie Waldvogels Projekt sich
zum Community-Wahn der 90er Jahre verhält, dürfte dabei eine
noch ungeklärte Frage sein. Doch gerade das Titan-Panoramabild kann
vor Augen führen, dass Waldvogels Netzversion des „Globus Cassus“
alles andere als ein beliebiger Phänotyp ist. Vielmehr scheint neben
der herkömmlichen Künstler-Existenz als Alleinkämpfer der
Open-Source-Gedanke und das Arbeiten in Community-Zusammenhängen
in Waldvogels Werdegang, seiner Arbeitsweise und schliesslich seiner Kunst
als weitere Möglichkeit angelegt.
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