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Sommerzeit, Reisezeit. Wer selbst (noch) nicht in ferne
Gefilde aufbrechen kann, begibt sich gern auf eine virtuelle Surftouren
– und was liegt da näher, als ersatzweise in den Reiseberichten
anderer zu schwelgen. Ob sich der «Travelling Report», den
Erik Dettwiler im Mai diesen Jahres als eines seiner jüngsten Medienprojekte
ins Netz gestellt hat, wohl für diesen Zweck eignet?

Die Startseite sieht schon einmal sehr ansprechend aus: Hell und freundlich,
dazu ein klar gegliedertes, dreiteiliges Menü, über das sich
Text-, Film- und Fotoelemente auswählen, aufrufen und frei miteinander
kombinieren lassen. Zwar zeigen die Ortsnamen von New York über Palermo,
Rom, Dresden, Bukarest und Prishtina bis Sarajevo an, dass hier einer
ziemlich weit herumgekommen sein muss. Schlagworte wie «Katakomben»
oder «Cimitrul» – das rumänische Wort für
«Friedhof» – verraten jedoch ein sehr spezifisches Interesse
des Reisenden.
Tatsächlich beschäftigt sich der 1970 geborene, in Zürich
und Rom lebende Erik Dettwiler seit einigen Jahren schon bevorzugt mit
den randständigen Zonen im Gefüge einer Stadt, die er «Paradoxe
Peripherien» nennt. Der Begriff meint nicht unbedingt eine geographische
Lage, verweist eher auf mal mehr, mal weniger manifeste Verdrängungsprozesse
in einer Art «kulturellem Unbewussten» des Urbanen.

Friedhöfe beispielsweise: Als Hort der Toten nicht nur ein notwendiges
Komplement zu den Wohnstätten der Lebenden, sondern vor allem für
den Seelenfrieden der Letzteren von Bedeutung, stellen sie ein seltsam
oszillierendes Hybrid im modernen Stadtraum dar. Einerseits sind sie Orte
der Ruhe, gern genutzte grüne Oasen im städtischen Getriebe,
an denen die Uhr etwas langsamer zu schlagen scheint. Andererseits wird
– vom eigenwilligen Phänomen wie dem Friedhofs- bzw. Gräbertourismus
einmal abgesehen – ihre eigentliche Funktion teilweise ausgeblendet,
um erst dann mit grausamer Deutlichkeit ins Bewusstsein zu rücken,
wenn man selbst einen Freund oder Verwandten zu Grabe trägt. So sind
Friedhöfe zwar ins urbane Leben integriert, im selben Moment jedoch
unsichtbar.
Möglicherweise ist es sogar diese Überlagerung von Lebendigem
und Totem, die ein stummes Bindeglied bildet zwischen jenen Orten –
oder sollte man sie mit Marc Augé Nicht-Orte nennen? –, an
denen sich das Interesse des Reisenden immer wieder festhakt. Dettwiller
fotografiert einen improvisierten Fussballplatz auf überwucherten
Gelände bei Kiev oder ein Sportstadion in Sarajevo im Umbau –
Bilder, die man zunächst nicht so ohne weiteres mit den grauen Grabsteinreihen
aus New York oder den idyllisch angelegten Wegen zusammenbringt, die sich
durch parkartiges Grün in Dresden schlängeln.

Die scheinbar so disparaten Bilder beginnen einander zu überlagern,
wenn man sich weiter in das Archiv des Reisenden begibt. Und zwar wortwörtlich,
denn die aufgerufenen Fotos bleiben stehen, ziehen von Fenster zu Fenster,
werden zum Hintergrund, Dialogpartner und Gegenüber der Filme, in
denen einige von ihnen für kurze Zeit zum Leben erweckt werden. Dies
geschieht allerdings auf leicht unheimliche Weise, insofern die meisten
menschenleer sind und bleiben, während die Kamera eben das abtastet,
was auf die Abwesenheit und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens
verweist: Grabmonumente und -steine, Mumien in den Katakomben von Neapel.
Tote Blicke, wohin das Kameraauge auch schaut.
Sind die Fussball spielenden Kinder, die man auf der Fotografie aus Babi
Jar entdeckt, vielleicht eine Ausnahme? Doch ist ihr Spiel fast stumm
und alles andere als ausgelassen, der Ort als solcher trostlos ohnehin.
Den eigentlichen Konnex legt dann die Lektüre der Texte frei, die
man sich Stück um Stück in ein weiteres Fenster lädt. Der
Tod, er ist längst hier gewesen – im Herbst des Jahres 1941,
als die SS an diesem Ort tausende ukrainischer Juden zusammentrieb und
erschoss. So entpuppt sich das Mosaik aus Bildern und Texten, der Bericht
über eine Reise entlang und zu den «Paradoxical Peripheries»
als Erzählung über den Tod und die Toten. Dass diese nicht nur
jene Beklemmung hinterlässt, die bekanntermassen allzu schnell in
abgeklärte Indifferenz umschlagen kann, verdankt sich der Pathosferne
der Arbeit. Ihre offene Struktur lädt zu einem allmählichen
Erkunden der Seite und verführt zu einem fast schon spielerischen
Umgang mit den einzelnen Elementen.

Erik Dettwiler ist für solche Versuchsanordnungen bekannt –
Arbeiten, die in ihrer Form jenen Reflexionsprozess thematisieren und
plastisch machen, der ihnen zugrunde liegt und ihre Struktur bestimmt.
Manchmal nachgerade demonstrativ: Im Video «Levitation» (2001)
führt der Protagonist auf seinem durchdrehenden Drehstuhl lehrstückartig
die Physik beschleunigter, gleichwohl noch von der Schwerkraft gefangener
Festkörper vor, bis er den Gesetzen der Gravitation trotzen bzw.
sich dem Schleudermoment anheim geben kann und unseren Blicken entschwebt.
In seiner Intervention «Blauer Reiter II», 2004 für das
Jubiläum des Kunstmuseums Bern entstanden, mimte Dettwiler nach allen
Kräften, wozu er eingeladen wurde: eine Künstlerrecherche zu
einem Glanzstück der Sammlung – die so zwar kuratorisch bestellt
war, nebenbei leider auch ein paar Leichen aus dem Keller holt. Ganz ohne
Häme zelebriert der Künstler mit Mut zur Peinlichkeit die prinzipielle
Korrumpierbarkeit auch der eigenen Position.
Präsent ist die Frage nach dem eigenen Standort auch in «Paradoxical
Periphery – A Travelling Report»: In einem geflügelten
Wort, das konservativen Kunsthistorikern gern in den Mund gelegt wird:
«Nur ein toter Künstler ist ein guter Künstler».
Ist es da also am Ende doch noch, das große Pathos angesichts der
letzten Dinge, obendrein mit einer Sahnehaube aus Selbstmitleid verziert?
Wohl kaum. Wenn man den entsprechenden Text weiterliest, dann führt
auch dieser an die paradoxen Ränder und damit direkt aufs Gelände
der Arbeit zurück. Der Reisebericht gewinnt gerade dadurch, dass
die aus Büchern und dem Internet stammenden Zitate ebenso wie die
Bilder nicht die Signatur des Künstlers tragen, der uns den Weg zu
den letzten Dingen weisen will. Sondern als offene Versuchsanordnung dazu
einladen, die Paradoxen Peripherien selbst zu erkunden. Das ist in der
Tat eine Reise wert.
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