Julius Popp’ glänzender Kommentar
auf die Informationsflut der Medien an der Art Basel
Quer über dem Eingang der Art Unlimited, der Prunkschau
der Basler Kunstmesse mit über 60 grossen Skulpturen und Videoprojektionen,
prangt in diesem Jahr eine Installation von Julius Popp. Es ist die erst
zweite interaktive Arbeit, die es hier ins Zentrum des erhitzten Kunstmarkts
schafft. Der Nürnberger Fotograf Julius Popp ist 32 und lebt seit
1998 in Leipzig, wo eigentlich gerade die deutschen Maler Erfolge feiern,
er aber an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert und Roboter
entwickelt. Sein «Bit.fall» ist eine gelungene Metapher für
die Informationsflut und ihre Verarbeitung.
An der Hallendecke wurde dazu eine circa fünf Meter breite Konstruktion
befestigt von 128 Düsen, die über Magnetventile einzelne Wassertropfen
ausstossen. Ein Computerprogramm «saugt» nach statistischen
Regeln aktuelle Schlagworte von verschiedenen Nachrichtenwebsiten und
steuert das Öffnen und Schliessen der Wasserdüsen: Die zu Boden
fallenden Wassertropfen arrangieren sich vor unseren Augen fortlaufend
zu neuen Buchstaben. Glitzernd und funkelnd im Scheinwerferlicht strömen
die Worte ins Becken: ... China ... Anzeiger ... Dollarkurs ... formen
sich vor unseren Augen und ziehen als transparenter Vorhang vorbei ins
Becken des über Pumpen geschlossenen Wasserkreislaufs. Wasser als
Träger von Schrift ist reizvoll und verblüffend und so augenfällig
schön, dass Popps Provider dem Ansturm der Interessenten auf seine
Webseite sphericalrobots.com nicht gewachsen war.
Natürlich fühlt sich an Jenny Holzer erinnert, wer schon einmal
im Kunstmuseum vor einem digitalen Schriftband stand. Bei Holzer ist die
mediale Strahlkraft der marktüblichen LED-Bänder nicht Pointe
der Arbeit, sondern Träger schmerzlicher, fordender, politischer,
intimer Botschaften. Doch auch Popp verwendet unser Abstraktionsvermögen,
aus wenigen Rasterpunkten ein Schriftbild und daraus einen Inhalt zu formen,
nicht ohne Raffinesse. Mit maschineller Verlässlichkeit (ganz ohne
Ironie: noch kein Aussetzer seit der Eröffnung letzten Montag...)
spuckt das Internet das Stichwort, die Düse den Display – dann
aber ist das Wort der Schwerkraft überantwortet. Es bleibt in rasantem
Fall nur knapp zu erhaschen und da die einzelnen Tropfen im Fall auch
noch Geschwindigkeit sammeln, verzerrt sich der Schriftzug schon nach
wenigen Metern ins Unleserliche. Wasser und Raum erst lassen die digitale
Information in flüchtiger Schönheit aufblitzen – zugleich
aber zerfallen und am natürlichen Ungenügen unserer Hirnleistung
scheitern.
Rafael Lozano-Hemmer: «Standards and Double
Standards» 2004. Simulation der Installation mit 50 an Robotern
befestigten Gürteln, 4 Überwachungskameras und Tracking System.
Courtesy Galerie OMR, Art Basel 2004.
Die Arbeit stösst auf grosses Interesse. Auch Raffael Lozano-Hemmers
Gürtel-tragende Geisterformation fand an der Art 2004 trotz ungelenker
Robotertechnik gleich drei Mal einen Käufer. Für den Markteintritt
braucht es halt Galerien mit Mumm – und Autoren wie Popp, die komplexe
technische Vorgänge in eingängige Bilder zu fassen vermögen.
Bei aller Freude über den grossen Publikumserfolg der angeblich so
schlecht kompatiblen «Medienkunst» fürchten wir aber
doch ein wenig die «freie Definierbarkeit des Bitmap-Musters».
Letztlich lässt sich der innovative Schriftgenerator mit allem speisen,
was sich in Raster auflösen lässt – mit Logos in Firmenlobbys,
der Zeitansage, ja selbst mit Bildern wird bereits experimentiert. Verlassen
wir uns auf Newton, dass der beglückende Moment dieser Erstbegegnung
sich im Umfeld von Werbung und PR nicht im Geschmäcklerischen wiederholt.
Projekt:
Julius Popp (und Team), «Bit.fall» 2006
Zu sehen an der Art Basel, Messe Schweiz, noch bis heute Sonntag, 18.
Juni, 19 Uhr.