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18.06.06
Gewonnen, zerronnen.
Annina Zimmermann
Julius Popp’ glänzender Kommentar auf die Informationsflut der Medien an der Art Basel

Quer über dem Eingang der Art Unlimited, der Prunkschau der Basler Kunstmesse mit über 60 grossen Skulpturen und Videoprojektionen, prangt in diesem Jahr eine Installation von Julius Popp. Es ist die erst zweite interaktive Arbeit, die es hier ins Zentrum des erhitzten Kunstmarkts schafft. Der Nürnberger Fotograf Julius Popp ist 32 und lebt seit 1998 in Leipzig, wo eigentlich gerade die deutschen Maler Erfolge feiern, er aber an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert und Roboter entwickelt. Sein «Bit.fall» ist eine gelungene Metapher für die Informationsflut und ihre Verarbeitung.


Julius Popp (und Team), «Bit.fall» 2006. Wasser, Pumpe, 128 Magnetventile, Elektronik. Courtesy Galleries Jocelyn Wolff & nächst St. Stephan; Foto Francois Doury.

An der Hallendecke wurde dazu eine circa fünf Meter breite Konstruktion befestigt von 128 Düsen, die über Magnetventile einzelne Wassertropfen ausstossen. Ein Computerprogramm «saugt» nach statistischen Regeln aktuelle Schlagworte von verschiedenen Nachrichtenwebsiten und steuert das Öffnen und Schliessen der Wasserdüsen: Die zu Boden fallenden Wassertropfen arrangieren sich vor unseren Augen fortlaufend zu neuen Buchstaben. Glitzernd und funkelnd im Scheinwerferlicht strömen die Worte ins Becken: ... China ... Anzeiger ... Dollarkurs ... formen sich vor unseren Augen und ziehen als transparenter Vorhang vorbei ins Becken des über Pumpen geschlossenen Wasserkreislaufs. Wasser als Träger von Schrift ist reizvoll und verblüffend und so augenfällig schön, dass Popps Provider dem Ansturm der Interessenten auf seine Webseite sphericalrobots.com nicht gewachsen war.

Natürlich fühlt sich an Jenny Holzer erinnert, wer schon einmal im Kunstmuseum vor einem digitalen Schriftband stand. Bei Holzer ist die mediale Strahlkraft der marktüblichen LED-Bänder nicht Pointe der Arbeit, sondern Träger schmerzlicher, fordender, politischer, intimer Botschaften. Doch auch Popp verwendet unser Abstraktionsvermögen, aus wenigen Rasterpunkten ein Schriftbild und daraus einen Inhalt zu formen, nicht ohne Raffinesse. Mit maschineller Verlässlichkeit (ganz ohne Ironie: noch kein Aussetzer seit der Eröffnung letzten Montag...) spuckt das Internet das Stichwort, die Düse den Display – dann aber ist das Wort der Schwerkraft überantwortet. Es bleibt in rasantem Fall nur knapp zu erhaschen und da die einzelnen Tropfen im Fall auch noch Geschwindigkeit sammeln, verzerrt sich der Schriftzug schon nach wenigen Metern ins Unleserliche. Wasser und Raum erst lassen die digitale Information in flüchtiger Schönheit aufblitzen – zugleich aber zerfallen und am natürlichen Ungenügen unserer Hirnleistung scheitern.


Rafael Lozano-Hemmer: «Standards and Double Standards» 2004. Simulation der Installation mit 50 an Robotern befestigten Gürteln, 4 Überwachungskameras und Tracking System. Courtesy Galerie OMR, Art Basel 2004.

Die Arbeit stösst auf grosses Interesse. Auch Raffael Lozano-Hemmers Gürtel-tragende Geisterformation fand an der Art 2004 trotz ungelenker Robotertechnik gleich drei Mal einen Käufer. Für den Markteintritt braucht es halt Galerien mit Mumm – und Autoren wie Popp, die komplexe technische Vorgänge in eingängige Bilder zu fassen vermögen. Bei aller Freude über den grossen Publikumserfolg der angeblich so schlecht kompatiblen «Medienkunst» fürchten wir aber doch ein wenig die «freie Definierbarkeit des Bitmap-Musters». Letztlich lässt sich der innovative Schriftgenerator mit allem speisen, was sich in Raster auflösen lässt – mit Logos in Firmenlobbys, der Zeitansage, ja selbst mit Bildern wird bereits experimentiert. Verlassen wir uns auf Newton, dass der beglückende Moment dieser Erstbegegnung sich im Umfeld von Werbung und PR nicht im Geschmäcklerischen wiederholt.

 
Projekt:

Julius Popp (und Team), «Bit.fall» 2006

Zu sehen an der Art Basel, Messe Schweiz, noch bis heute Sonntag, 18. Juni, 19 Uhr.

Links:

»sphericalrobots.com von Julius Popp
»Art Basel