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06.10.05

Berechnet unberechenbar
Annina Zimmermann

Aus Anlass der Französischen Woche 2005 zeigt die Redaktion des Online-Kunstmagazins Regioartline in Freiburg i.B. eine Bildsequenz, die der Yves Netzhammer in diesem Sommer für die Kunsthalle Bremen entwickelte. Sie ist eine von mehreren künstlerischen Arbeiten, die für die Fakultät für Angewandte Wissenschaften zum Thema von «Kunst und Wissenschaft» ausgewählt wurden.

Der Schweizer Künstler und Illustrator Yves Netzhammer (geb. 1970) zeichnet und animiert seine Bilder am Computer. In modernen Fabeln erzählt er von der Gefühlslage postmoderner Menschen und nutzt dazu subtil die Möglichkeiten des Animationsfilms, unsere Körper ins Ungewisse zu stoßen.



Handlungsträger sind in der projizierten Animation – wie meist bei Netzhammer – gesichtslose Gliederpuppen. Sie erinnern an die altmodischen Holzpuppen, wie sie Maler früher zum Studium der Proportionen verwendeten, sind aber in ihrer glatten Blässe von rätselhafter Konsistenz. Vor allem jedoch sind sie – ein Trick der Animation, den diese mit der allseits gefürchteten Bioindustrie gemeinsam hat – beliebig kopier- bzw. klonbar. Wie alle Gegenstände des Films finden auch die Menschen ihre Form über eine schwarze Kontur, uniforme Farbigkeit und sparsam gesetzte Schatten. Wobei sie als Gegenstände bereits falsch beschrieben sind: Netzhammers Motive geben nämlich keinerlei Materialität vor, durchdringen einander widerstandsfrei. Da sie, anders als Schauspieler, nicht den cartesianischen Raum bewohnen, sind sie grundsätzlich haltlos, treiben berechnet unberechenbar im Abstrakten. Das Verhältnis von Figur und Raum, von Mensch und Umwelt ist ohne Verlass, muss vom Zeichner stets neu geklärt werden in Andeutungen eines harten Untergrunds, von verzögerten Bewegungen wie unter Wasser.



Die einzelnen Episoden öffnen meist mit einem bühnenhaften Standbild, dessen narratives Potenzial sich wie von selbst in Gang setzt. Nie weiß man, manchmal ahnt man böse, was den Protagonisten als Nächstes widerfahren könnte: Man beobachtet voller innerer Anspannung und mit leicht erotischem Schauer wie in unverändert sterilem Ambiente Körperflüssigkeiten getauscht, Beinstümpfe gestreichelt, Menschen vor Räder gestoßen, Katzen ertränkt werden. Grausamer Humor blitzt auf im Wechsel mit abstrakt schönen Kulissenwechseln, welche (auch hier in Referenz zum 3D-Programm) meist flache Formen in geometrische Körper projizieren: etwa indem sich Lichter zum Kegel verfestigen oder die Mittelstreifen einer Strasse überraschend in andere Raumebenen sacken.



Die Grundstimmung der Erzählung hat etwas Fatalistisches: Sie wird in fast lautlosem nachtschwarzem Gesichtsfeld vom Rhythmus steter Verwandlung in die Zukunft vorangetrieben. Netzhammer versucht erst gar nicht, den Figuren so etwas wie Selbstbestimmung, Persönlichkeit unterzuschieben. Sie unterliegen ganz der kühlen Logik ihres Schöpfers, morphen wie in einem üblen Traum assoziativ von Bildidee zu Bildidee. «Die Anordnungsweise zweier Gegenteile bei der Erzeugung ihres Berührungsmaximums» heißt der Bremer Film – und benennt so die zeichnerische Idee, welche die Sequenzen entstehen lässt. Zugleich aber umschreibt der Titel in technischer Umständlichkeit zum Beispiel eine der traurigsten Szenen der Erzählung: einen mechanischen Beischlaf, wie er einsamer nicht sein könnte. Netzhammer reizt Potenziale aus – des Mediums Animation und der narrativen Möglichkeiten seines reduzierten Personals. Wer sich den Loop wieder und wieder anschaut, büßt mit der Zeit den gruseligen Reiz seiner überraschenden Einfälle ein. Wir versetzen uns dafür zusehends in die Rolle ihres allwissenden, distanziert sorgfältigen Schöpfers, entgleiten hypnotisiert in eine demiurgische Machtphantasie, wie sie schon manchen Wissenschafter in den Wahnsinn geführt hat.

Information:

Yves Netzhammer
«Die Anordnungsweise zweier Gegenteile bei der Erzeugung ihres Berührungsmaximums» 27.37 Min. / 2005

in: «Kunst und Wissenschaft – aktuelle Positionen der Medienkunst.»
Eine Ausstellung von artforum3/Regioartline in Zusammenarbeit mit dem ZKM Karlsruhe und dem Medienkunstpreis 2005

Universität Freiburg, Fakultät für Angewandte Wissenschaften
Haus 101, Georges-Köhler-Allee, Freiburg (D)

Eröffnung: Donnerstag 10. November, 19.00 Uhr
Öffnungszeiten:Montag bis Freitag 7.00 bis 18.00 Uhr
Bis 24. November 2005

Links:

»www.netzhammer.com