Aus Anlass der Französischen Woche 2005
zeigt die Redaktion des Online-Kunstmagazins Regioartline in Freiburg
i.B. eine Bildsequenz, die der Yves Netzhammer in diesem Sommer für
die Kunsthalle Bremen entwickelte. Sie ist eine von mehreren künstlerischen
Arbeiten, die für die Fakultät für Angewandte Wissenschaften
zum Thema von «Kunst und Wissenschaft» ausgewählt wurden.
Der Schweizer Künstler und Illustrator Yves Netzhammer
(geb. 1970) zeichnet und animiert seine Bilder am Computer. In modernen
Fabeln erzählt er von der Gefühlslage postmoderner Menschen
und nutzt dazu subtil die Möglichkeiten des Animationsfilms, unsere
Körper ins Ungewisse zu stoßen.
Handlungsträger sind in der projizierten Animation – wie meist
bei Netzhammer – gesichtslose Gliederpuppen. Sie erinnern an die
altmodischen Holzpuppen, wie sie Maler früher zum Studium der Proportionen
verwendeten, sind aber in ihrer glatten Blässe von rätselhafter
Konsistenz. Vor allem jedoch sind sie – ein Trick der Animation,
den diese mit der allseits gefürchteten Bioindustrie gemeinsam hat
– beliebig kopier- bzw. klonbar. Wie alle Gegenstände des Films
finden auch die Menschen ihre Form über eine schwarze Kontur, uniforme
Farbigkeit und sparsam gesetzte Schatten. Wobei sie als Gegenstände
bereits falsch beschrieben sind: Netzhammers Motive geben nämlich
keinerlei Materialität vor, durchdringen einander widerstandsfrei.
Da sie, anders als Schauspieler, nicht den cartesianischen Raum bewohnen,
sind sie grundsätzlich haltlos, treiben berechnet unberechenbar im
Abstrakten. Das Verhältnis von Figur und Raum, von Mensch und Umwelt
ist ohne Verlass, muss vom Zeichner stets neu geklärt werden in Andeutungen
eines harten Untergrunds, von verzögerten Bewegungen wie unter Wasser.
Die einzelnen Episoden öffnen meist mit einem bühnenhaften Standbild,
dessen narratives Potenzial sich wie von selbst in Gang setzt. Nie weiß
man, manchmal ahnt man böse, was den Protagonisten als Nächstes
widerfahren könnte: Man beobachtet voller innerer Anspannung und
mit leicht erotischem Schauer wie in unverändert sterilem Ambiente
Körperflüssigkeiten getauscht, Beinstümpfe gestreichelt,
Menschen vor Räder gestoßen, Katzen ertränkt werden. Grausamer
Humor blitzt auf im Wechsel mit abstrakt schönen Kulissenwechseln,
welche (auch hier in Referenz zum 3D-Programm) meist flache Formen in
geometrische Körper projizieren: etwa indem sich Lichter zum Kegel
verfestigen oder die Mittelstreifen einer Strasse überraschend in
andere Raumebenen sacken.
Die Grundstimmung der Erzählung hat etwas Fatalistisches: Sie wird
in fast lautlosem nachtschwarzem Gesichtsfeld vom Rhythmus steter Verwandlung
in die Zukunft vorangetrieben. Netzhammer versucht erst gar nicht, den
Figuren so etwas wie Selbstbestimmung, Persönlichkeit unterzuschieben.
Sie unterliegen ganz der kühlen Logik ihres Schöpfers, morphen
wie in einem üblen Traum assoziativ von Bildidee zu Bildidee. «Die
Anordnungsweise zweier Gegenteile bei der Erzeugung ihres Berührungsmaximums»
heißt der Bremer Film – und benennt so die zeichnerische Idee,
welche die Sequenzen entstehen lässt. Zugleich aber umschreibt der
Titel in technischer Umständlichkeit zum Beispiel eine der traurigsten
Szenen der Erzählung: einen mechanischen Beischlaf, wie er einsamer
nicht sein könnte. Netzhammer reizt Potenziale aus – des Mediums
Animation und der narrativen Möglichkeiten seines reduzierten Personals.
Wer sich den Loop wieder und wieder anschaut, büßt mit der
Zeit den gruseligen Reiz seiner überraschenden Einfälle ein.
Wir versetzen uns dafür zusehends in die Rolle ihres allwissenden,
distanziert sorgfältigen Schöpfers, entgleiten hypnotisiert
in eine demiurgische Machtphantasie, wie sie schon manchen Wissenschafter
in den Wahnsinn geführt hat.
Information:
Yves Netzhammer
«Die Anordnungsweise zweier Gegenteile bei der Erzeugung ihres Berührungsmaximums»
27.37 Min. / 2005
in: «Kunst und Wissenschaft – aktuelle Positionen der Medienkunst.»
Eine Ausstellung von artforum3/Regioartline in Zusammenarbeit mit dem
ZKM Karlsruhe und dem Medienkunstpreis 2005
Universität Freiburg, Fakultät für Angewandte Wissenschaften
Haus 101, Georges-Köhler-Allee, Freiburg (D)
Eröffnung: Donnerstag 10. November, 19.00 Uhr
Öffnungszeiten:Montag bis Freitag 7.00 bis 18.00 Uhr
Bis 24. November 2005