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06.03.06
Kein Hoax: etoy lanciert den digitalen Bestattungsservice.
Villö Huszai
Im März und April geniesst etoy Gastrecht im Zürcher Kunstraum Walcheturm. Vor Ort wird die Kunstgruppe einen Fracht-Container für das neue Projekt: «Mission Eternity» herrichten und das Konzept der komplexen Aktion in Workshops und Gastvorträgen weiter entwickeln.

Vor dem Kunstraum Walcheturm auf dem Zürcher Kasernenareal stehen seit der letzten Februarwoche zwei Fracht-Container der «etoy.corporation». Der grössere Container mit dem Schriftzug www.etoy.com leuchtet im charakteristischen etoy-Orange, der zweite, auf den ersten gestapelt, ist ungewohnt farblos. In engelhaftem Weiss sind auch die sonst stets in Schwarz und Orange uniformierten etoy-Agenten am ersten Donnerstag des Mäim Walcheturm in Erscheinung getreten. Sie stellten ihr aktuelles Kunstprojekt vor, «Mission Eternity», das ein «Totenkult für das Informationszeitalter» werden soll.

Vernetzter Grabstein
Die 1994 gegründete und personell stark mit Zürich verbundene Künstlergruppe hält derzeit Ausschau nach Leuten, die der Nachwelt mehr Daten hinterlassen wollen, als es der übliche Grabstein vermag. Sie erstellt mittels dieser Daten eine Art individuelles Porträt, tituliert das digitale Informationspaket als «Arcanum Kapsel» und verspricht, es nach dem Tod der porträtierten Person auf eine ewige Reise ins globale Netz der Computer und Mobiltelephone zu schicken.

Das Thema Tod betrifft alle unmittelbar, das Genre Netzkunst hingegen ist derzeit vielleicht die abgelegenste aller avantgardistischen Kunstnischen. Auf den ersten Blick könnte es sich bei «Mission Eternity» um einen leichtfüssigen Netzkunst-«Hoax» handeln, so der Fachbegriff der 90er Jahre für die im Netz gängige Vortäuschung von Realität und gezielte Verbreitung von Fehlmeldungen. «Mission Eternity» wäre nichts weiter als eine esoterische Künstler-Geste, die zwar schwerelos für immer im Netz, aber nur für kurze Zeit in unseren Köpfen spukt? Mitnichten, wenn es nach den Vorstellungen von etoy geht. Zwar soll «Mission Eternity» nicht herkömmliche Bestattungssysteme ersetzen. Den zukünftigen sogenannten «Usern», so etoy in ihrem seit den Anfängen charakteristischen Business-Amerikanisch, steht es frei, sich daneben in herkömmlicher Weise beerdigen zu lassen. Und trotzdem präsentiert etoy das Projekt als ernsthafte und zeitgemässe Alternative oder zumindest Ergänzung zu gegenwärtigen Totenkulten, wenn auch – zumindest vorderhand - als Angebot ohne kommerzielle Absicht. Die im Jahre 2000 zur Kunstaktiengesellschaft umgebaute Gruppe pocht darauf, dass ihre eigentümliche Kreuzung des kapitalistischen Modells Aktiengesellschaft mit dem eher idealistisch orientierten Modell Internet-Community als eine künstlerische Position zu verstehen sei, in Anlehnung an Joseph Beuys als eine «globale korporative Skulptur, die kulturelle Gewinne teilt statt finanziellen Reichtum zu maximieren»

etoys Entdeckung der Langsamkeit
etoys Markenzeichen in den 90er Jahren war die überfallartige und spektakuläre Kunstaktion. In satanischer Schnelligkeit hatte es die Buben-Gang Mitte der 90er Jahre verstanden, die gerade erst popularisierte Netztechnologie für ihr damals grösstes Ziel zu nutzen: die Erringung von Aufmerksamkeit seitens der Öffentlichkeit, mit den Kunstaktionen «Digital Hijack» und «Toywar». Unterdessen ist mit etoy-Agentin monorom, welche die Programmierung im etoy-Kosmos leitet, der einstige Männerbund aufgelockert und es scheint ein regelrechter Prozess der Entschleunigung in Gang zu sein. Mit «Mission Eternity» buhlt etoy um nichts Geringeres als unsere Seelen und daran wagt sich offenbar selbst etoy nur in Form eines «Langzeitprojektes», so der Ausdruck von etoy-Agent und CEO zai. Das erklärte Ziel lautet, in den kommenden zehn Jahren 500 Personen «einzukapseln».

Erdenschwerer Himmelsdienst
Dem Verdacht auf Parodie und Jux arbeitet «Mission Eternity» durch zwei Momente entgegen: zum einen durch die schon fast herkulanische Seriosität, mit der die vielköpfige Gruppe ihre Alternative zur Friedhof-Verewigung ausarbeitet. So haben die «M∞–User» ein mittlerweile auf 20 Seiten angewachsenes Formular mit Angaben auszufüllen. Ein juristisch ausgefeilter Vertrag soll verhindern, dass die Nachkommen das mit etoy Vereinbarte anfechten können. Dazu gilt es die Identität der Beteiligten einwandfrei und rechtlich bindend festzustellen. Natürlich lässt es sich etoy nicht nehmen, sich an Fragen des Datenschutzes und der Verschlüsselung akribisch abzuarbeiten. Das andere, wuchtige Moment, mit dem etoy der Flüchtigkeit digitaler Erscheinungsformen Gegensteuer gibt, ist ihr Fracht-Container-System: Der orangene Container gehört schon seit Jahren fest zu etoys Informationskunst, ein augenfälliges Sinnbild für die Zirkulation der Datenpakete im Datennetz und zugleich als mobiler Arbeits- und Austellungsraum realer Kristallisationspunkt des über die Welt verstreut lebenden Künstler-Kollektivs. Zusammen mit dem zweiten Container, der als eine Art begehbarer Kollektiv-Sarkophag fungiert, wird er in der realen Kunstwelt touren: im April an einer Ausstellung im Bieler Centre PasquArt, an der Art Basel und im August als ein Hauptprojekt des Symposiums ISEA im kalifornischen San José, eines grossen amerikanischen Treffpunktes für elektronische Kultur.

Gesprächige Kunst
Während der zwei Monate, in denen die etoy-Container nun Gastrecht vor dem Kunstraum Walcheturm geniessen, wird etoy den Innenraum des weissen Containers mit 8000 LED-Anzeigen rundum tapezieren und so in einen dreidimensionalen Bildschirm verwandeln, worin die einzelnen Leuchtplatten als übergrosse Pixel fungieren. Abgespielt werden Daten aus den Arcanum-Kapseln. Diejenigen der künftigen «User» von «Mission Eternity», die auch ihre Asche etoy vermachen, werden als blinder Fleck des 3D-Bildschirms ihre ungewöhnliche letzte Ruhestätte finden. Die etoy anvertraute Asche wird dazu in eine Platte eingegossen, die jeweils eine LED-Anzeige ersetzt. Neben der handfesten Produktion des Containers wird das Projekt konzeptuell weiterentwickelt. Dazu dienen etoy eine Reihe von öffentlichen Workshops und Vorträgen im März und April, in denen künstlerische Produktion und Kommunikation mit dem Publikum Hand in Hand gehen sollen. Der Kurator Gianni Jetzer bereitete etoy 2002 in der St. Galler Kunsthalle ihre erste Einzelausstellung. Er staunte, dass ausgerechnet die Netzkünstler etoy in ungewohnt intensiver Weise vor Ort das Gespräch mit dem Publikum gesucht hätten. Ebenso hält es etoy, in kühner Weiterentwicklung ihrer nicht auf Objekte, sondern auf Partizipation setzenden Ästhetik, offenbar in den kommenden Monaten im Zürcher Walchetum.

   
Information:

etoy «M∞ /Misssion Eternity»

Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, Zürich (CH)
Bis 28. April 2006.

Zusätzlich zu den zehn geplanten Veranstaltungen, deren Daten auf »www.etoy.com/blog zu finden sind, führen etoy-Agenten im März jeden Montag zwischen 16.00 und 19.00 Uhr Interessierte durch die Container.

Links:

»zu etoys neuer Mission Eternity
»www.walcheturm.ch
»unsere Ankündigung der Aktion
»unser Beitrag zu etoys Aussichten auf dem Kunstmarkt