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Vor dem Kunstraum Walcheturm auf dem Zürcher Kasernenareal
stehen seit der letzten Februarwoche zwei Fracht-Container der «etoy.corporation».
Der grössere Container mit dem Schriftzug www.etoy.com leuchtet im
charakteristischen etoy-Orange, der zweite, auf den ersten gestapelt,
ist ungewohnt farblos. In engelhaftem Weiss sind auch die sonst stets
in Schwarz und Orange uniformierten etoy-Agenten am ersten Donnerstag
des Mäim Walcheturm in Erscheinung getreten. Sie stellten ihr aktuelles
Kunstprojekt vor, «Mission Eternity», das ein «Totenkult
für das Informationszeitalter» werden soll.
Vernetzter Grabstein
Die 1994 gegründete und personell stark mit Zürich verbundene
Künstlergruppe hält derzeit Ausschau nach Leuten, die der Nachwelt
mehr Daten hinterlassen wollen, als es der übliche Grabstein vermag.
Sie erstellt mittels dieser Daten eine Art individuelles Porträt,
tituliert das digitale Informationspaket als «Arcanum Kapsel»
und verspricht, es nach dem Tod der porträtierten Person auf eine
ewige Reise ins globale Netz der Computer und Mobiltelephone zu schicken.
Das Thema Tod betrifft alle unmittelbar, das Genre Netzkunst hingegen
ist derzeit vielleicht die abgelegenste aller avantgardistischen Kunstnischen.
Auf den ersten Blick könnte es sich bei «Mission Eternity»
um einen leichtfüssigen Netzkunst-«Hoax» handeln, so
der Fachbegriff der 90er Jahre für die im Netz gängige Vortäuschung
von Realität und gezielte Verbreitung von Fehlmeldungen. «Mission
Eternity» wäre nichts weiter als eine esoterische Künstler-Geste,
die zwar schwerelos für immer im Netz, aber nur für kurze Zeit
in unseren Köpfen spukt? Mitnichten, wenn es nach den Vorstellungen
von etoy geht. Zwar soll «Mission Eternity» nicht herkömmliche
Bestattungssysteme ersetzen. Den zukünftigen sogenannten «Usern»,
so etoy in ihrem seit den Anfängen charakteristischen Business-Amerikanisch,
steht es frei, sich daneben in herkömmlicher Weise beerdigen zu lassen.
Und trotzdem präsentiert etoy das Projekt als ernsthafte und zeitgemässe
Alternative oder zumindest Ergänzung zu gegenwärtigen Totenkulten,
wenn auch – zumindest vorderhand - als Angebot ohne kommerzielle
Absicht. Die im Jahre 2000 zur Kunstaktiengesellschaft umgebaute Gruppe
pocht darauf, dass ihre eigentümliche Kreuzung des kapitalistischen
Modells Aktiengesellschaft mit dem eher idealistisch orientierten Modell
Internet-Community als eine künstlerische Position zu verstehen sei,
in Anlehnung an Joseph Beuys als eine «globale korporative Skulptur,
die kulturelle Gewinne teilt statt finanziellen Reichtum zu maximieren»
etoys Entdeckung der Langsamkeit
etoys Markenzeichen in den 90er Jahren war die überfallartige und
spektakuläre Kunstaktion. In satanischer Schnelligkeit hatte es die
Buben-Gang Mitte der 90er Jahre verstanden, die gerade erst popularisierte
Netztechnologie für ihr damals grösstes Ziel zu nutzen: die
Erringung von Aufmerksamkeit seitens der Öffentlichkeit, mit den
Kunstaktionen «Digital Hijack» und «Toywar». Unterdessen
ist mit etoy-Agentin monorom, welche die Programmierung im etoy-Kosmos
leitet, der einstige Männerbund aufgelockert und es scheint ein regelrechter
Prozess der Entschleunigung in Gang zu sein. Mit «Mission Eternity»
buhlt etoy um nichts Geringeres als unsere Seelen und daran wagt sich
offenbar selbst etoy nur in Form eines «Langzeitprojektes»,
so der Ausdruck von etoy-Agent und CEO zai. Das erklärte Ziel lautet,
in den kommenden zehn Jahren 500 Personen «einzukapseln».
Erdenschwerer Himmelsdienst
Dem Verdacht auf Parodie und Jux arbeitet «Mission Eternity»
durch zwei Momente entgegen: zum einen durch die schon fast herkulanische
Seriosität, mit der die vielköpfige Gruppe ihre Alternative
zur Friedhof-Verewigung ausarbeitet. So haben die «M∞–User»
ein mittlerweile auf 20 Seiten angewachsenes Formular mit Angaben auszufüllen.
Ein juristisch ausgefeilter Vertrag soll verhindern, dass die Nachkommen
das mit etoy Vereinbarte anfechten können. Dazu gilt es die Identität
der Beteiligten einwandfrei und rechtlich bindend festzustellen. Natürlich
lässt es sich etoy nicht nehmen, sich an Fragen des Datenschutzes
und der Verschlüsselung akribisch abzuarbeiten. Das andere, wuchtige
Moment, mit dem etoy der Flüchtigkeit digitaler Erscheinungsformen
Gegensteuer gibt, ist ihr Fracht-Container-System: Der orangene Container
gehört schon seit Jahren fest zu etoys Informationskunst, ein augenfälliges
Sinnbild für die Zirkulation der Datenpakete im Datennetz und zugleich
als mobiler Arbeits- und Austellungsraum realer Kristallisationspunkt
des über die Welt verstreut lebenden Künstler-Kollektivs. Zusammen
mit dem zweiten Container, der als eine Art begehbarer Kollektiv-Sarkophag
fungiert, wird er in der realen Kunstwelt touren: im April an einer Ausstellung
im Bieler Centre PasquArt, an der Art Basel und im August als ein Hauptprojekt
des Symposiums ISEA im kalifornischen San José, eines grossen amerikanischen
Treffpunktes für elektronische Kultur.
Gesprächige Kunst
Während der zwei Monate, in denen die etoy-Container nun Gastrecht
vor dem Kunstraum Walcheturm geniessen, wird etoy den Innenraum des weissen
Containers mit 8000 LED-Anzeigen rundum tapezieren und so in einen dreidimensionalen
Bildschirm verwandeln, worin die einzelnen Leuchtplatten als übergrosse
Pixel fungieren. Abgespielt werden Daten aus den Arcanum-Kapseln. Diejenigen
der künftigen «User» von «Mission Eternity»,
die auch ihre Asche etoy vermachen, werden als blinder Fleck des 3D-Bildschirms
ihre ungewöhnliche letzte Ruhestätte finden. Die etoy anvertraute
Asche wird dazu in eine Platte eingegossen, die jeweils eine LED-Anzeige
ersetzt. Neben der handfesten Produktion des Containers wird das Projekt
konzeptuell weiterentwickelt. Dazu dienen etoy eine Reihe von öffentlichen
Workshops und Vorträgen im März und April, in denen künstlerische
Produktion und Kommunikation mit dem Publikum Hand in Hand gehen sollen.
Der Kurator Gianni Jetzer bereitete etoy 2002 in der St. Galler Kunsthalle
ihre erste Einzelausstellung. Er staunte, dass ausgerechnet die Netzkünstler
etoy in ungewohnt intensiver Weise vor Ort das Gespräch mit dem Publikum
gesucht hätten. Ebenso hält es etoy, in kühner Weiterentwicklung
ihrer nicht auf Objekte, sondern auf Partizipation setzenden Ästhetik,
offenbar in den kommenden Monaten im Zürcher Walchetum.
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