Die digitale Allmend,
ein turbulentes Feld
Villö Huszai
Wie lässt sich der breite Zugang
und die Weiterbearbeitung von Wissen mit digitalen Mitteln am besten sichern?
Der Verein «Digitale
Allmend» veranstaltete zu dieser Frage in der Roten Fabrik kürzlich eine Diskussion, die
angesichts der vermeintlich trockenen Materie beachtlich viele ZuhörerInnen fand.
Es sei paradox, sagte einer der geladenen Gäste der Veranstaltung «Wissen: freier Zugang für
alle?» letzten Mittwoch im Clubraum der Zürcher Roten Fabrik:
Noch nie sei der «Zugang zu Wissen» so leicht gewesen wie
heute – und noch nie die Gefahr so gross, dass dieser Zugang behindert
würde.
Ein Grund dafür sei die «Verknüpfung von Informations-
mit Kommunikationstechnologie», meinte der Soziologe und Open-Source-Spezialist
Beat Estermann. Die digitalen Vernetzungsmöglichkeiten schaffen einerseits
neue Möglichkeiten des weltweiten Zugangs zu Wissensbeständen
und Kulturgütern. Andererseits provoziert und ermöglicht genau
dieselbe Technologie auch, den Zugang zu Wissen in ganz neuer Weise zu
kontrollieren, von Gebühren abhängig zu machen oder technisch
gleich ganz zu unterbinden. Das ist die besondere Janusköpfigkeit
des Internet: Einmal kann das Medienkonglomerat als Hoffnungsträger
und Förderer von Demokratisierung wirken und dann ist es wieder nur
eine wertneutrale Technologie, die sich im Gegeneil gerade
zur Durchsetzung von Einzelinteressen - Einzelinteressen mit oder eben auch ohne Orientierung
am Gemeinwohl - anbietet.
Digitale Allmend und Service Public
Die von vielleicht rund 50 Leuten besuchte Veranstaltung wurde organisiert
vom
Verein
»Digitale Allmend,
der sich Anfang dieses Jahres gerade erst konstituiert hat. Vorangegangen
war der Vereinsgründung die gleichnamige Veranstaltungsreihe
im Herbst 2005, ebenfalls in Zürich: Software, Open Source, Wikipedia und Blogs,
Podcasting und Creative Commons lauteten die Stichworte. Der Verein will
sich für den öffentlichen Zugang zu digitalen Gütern und
deren Weiterentwicklung einsetzen, eine nicht nur angesichts der laufenden
Urheberrechts-Revision brisante Thematik. Dazu muss aus Sicht des Vereins
das öffentliche Verständnis für eine offene (Wissens-)
Gesellschaft gefördert werden.
Dem stimmte der Gastreferent Guillaume
Chenevière, Leiter der Stiftung «Medien und Gesellschaft»
und aktives Mitglied der «Schweizer Plattform zur Informationsgesellschaft»
www.comunica-ch.net, vehement zu. Chenevière war von
1992 bis zu seiner Pensionierung vor einigen Jahren Generaldirektor des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks der welschen Schweiz. Gerade auch
im Bereich der digitalen Medien müsse das Prinzip des Service Public
angewendet werden, erklärte er, denn: «Wissen und Information
sind öffentliche Güter und müssen öffentlich zugänglich
bleiben. Wissen und Information sollen nicht auf vermarktbare Grössen
reduziert werden», wie der erste, kämpferische Grundsatz von
«comunica-ch» lautet.
Von GPL zu CC und zurück zu GPL
Hauptreferent der vom Zürcher Medienwissenschaftler Felix Stalder moderierten Veranstaltung war der
deutsche Soziologe Volker Grassmuck. Grassmucks Studie «Freie Software,
Zwischen Privat- und Gemeineigentum» von 2001 bietet nach wie vor
eine grundlegende Einführung in das Prinzip «Digitale Allmend»,
eine Art Verankerung des Public-Domain-Prinzips im deutschsprachigen Kulturraum.
Mit «The Wizards of OS», mit der Initiative www.privatkopie.net
oder der Informationsplattform www.irights.info verbindet Grassmuck seine wissenschaftliche
Forschung mit politischem Engagement. Laut Grassmuck wäre die für
Software entwickelte G(eneral) P(ublic) L(icense) eigentlich auch für
Privatanwender genügend. Die Creative-Commons-Bewegung von Lawrence
Lessig hingegen erkennt hier eine Lücke: Die GPL, das Rückgrat
der ursprünglichen Open-Source-Bewegung, sei
für Laien zu aufwändig, weil auf die komplexe Materie Software
zugeschnitten. Mit GPL könnten zum Beispiel Texte nicht in vernünftiger
Frist zur Weiterbearbeitung zur Verfügung gestellt werden. Darum
bietet Creative Commons besondere, einfach zu handhabende Lizenzen an,
mit denen jeder mit wenig Aufwand entscheiden kann, welche seiner Urheberrechte
er geltend machen, auf welche er verzichten will. (Siehe unseren Artikel
zu Creative Commons vom 25. April dieses Jahres)
Laut Grassmuck hat sich jedoch herausgestellt, dass 60% der CC-Lizenznehmer
ihre Werke nicht weiterbearbeiten lassen. Dies ist für Grassmuck symptomatisch: Die Anwendung einer
CC-Lizenz beinhaltet nicht die Entscheidung für das Open-Source-Prinzip,
eine CC-Lizenz kann alles beinhalten, was das Urheberrecht vorsieht. Das würde heissen, dass CC das Prinzip
Open Source nicht nachhaltig stärken kann. Demgegenüber, so
Grassmuck, besitzt die GPL eine klare Ausrichtung und liesse sich für
den Privatgebrauch durchaus nutzen.
Von xs4all to a2k
Den ersten Teil seiner Ausführungen, das Plädoyer für
GPL, charakterisierte Grassmuck gleich selbst als die «luftigen
Höhen Utopias». Danach sprach er über die sogenannte «Development
Agenda» der WIPO, der World International Property Organisation,
mit anderen Worten über die politischen Bemühungen,
dem Prinzip des offenen Wissenszugangs im globalen
Rahmen von WIPO oder UNO Gewicht zu verleihen. Grassmuck wie auch
Chenevière gaben Einblick in die
verwirrende und ermüdende Welt der globalen Konferenzen, Aktionspläne,
provisorischen Entwürfe und vorläufigen Erklärungen.
In den 90er Jahren hiess der Slogan «Acces for All». Das Kürzel
«xs4all» war zugleich der Name eines holländischen Pionier-Providers,
der für das Ringen um einen umfassenden öffentlichen Netzzugang
stand. Heutzutage ist es offenbar das Kürzel «a2k», «Access
to Knowledge», das den Weg zur aktuellen Debatte bahnt. Mit dem
Abkommen über Zugang zu Wissen (Access to Knowledge (A2K) Treaty),
welches im Rahmen der von verschiedenen Entwicklungsländern initiierten
«Entwicklungs-Agenda» der WIPO erarbeitet wird, soll auf internationaler
Ebene ein fairer und auch für Entwicklungsländer sinnvoller
Umgang mit Informationsgütern etabliert werden.
Fazit der Veranstaltung zur komplxen Materie: Die Öffentlichkeit braucht
noch einiges Wissen mehr, um sich allenfalls
den Zugang zu demselben wirksam sichern zu können.