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05.05.06
Die digitale Allmend, ein turbulentes Feld
Villö Huszai
Wie lässt sich der breite Zugang und die Weiterbearbeitung von Wissen mit digitalen Mitteln am besten sichern? Der Verein «Digitale Allmend» veranstaltete zu dieser Frage in der Roten Fabrik kürzlich eine Diskussion, die angesichts der vermeintlich trockenen Materie beachtlich viele ZuhörerInnen fand.

Es sei paradox, sagte einer der geladenen Gäste der Veranstaltung «Wissen: freier Zugang für alle?» letzten Mittwoch im Clubraum der Zürcher Roten Fabrik: Noch nie sei der «Zugang zu Wissen» so leicht gewesen wie heute – und noch nie die Gefahr so gross, dass dieser Zugang behindert würde.

Ein Grund dafür sei die «Verknüpfung von Informations- mit Kommunikationstechnologie», meinte der Soziologe und Open-Source-Spezialist Beat Estermann. Die digitalen Vernetzungsmöglichkeiten schaffen einerseits neue Möglichkeiten des weltweiten Zugangs zu Wissensbeständen und Kulturgütern. Andererseits provoziert und ermöglicht genau dieselbe Technologie auch, den Zugang zu Wissen in ganz neuer Weise zu kontrollieren, von Gebühren abhängig zu machen oder technisch gleich ganz zu unterbinden. Das ist die besondere Janusköpfigkeit des Internet: Einmal kann das Medienkonglomerat als Hoffnungsträger und Förderer von Demokratisierung wirken und dann ist es wieder nur eine wertneutrale Technologie, die sich im Gegeneil gerade zur Durchsetzung von Einzelinteressen - Einzelinteressen mit oder eben auch ohne Orientierung am Gemeinwohl - anbietet.

Digitale Allmend und Service Public
Die von vielleicht rund 50 Leuten besuchte Veranstaltung wurde organisiert vom Verein »Digitale Allmend, der sich Anfang dieses Jahres gerade erst konstituiert hat. Vorangegangen war der Vereinsgründung die gleichnamige Veranstaltungsreihe im Herbst 2005, ebenfalls in Zürich: Software, Open Source, Wikipedia und Blogs, Podcasting und Creative Commons lauteten die Stichworte. Der Verein will sich für den öffentlichen Zugang zu digitalen Gütern und deren Weiterentwicklung einsetzen, eine nicht nur angesichts der laufenden Urheberrechts-Revision brisante Thematik. Dazu muss aus Sicht des Vereins das öffentliche Verständnis für eine offene (Wissens-) Gesellschaft gefördert werden.

Dem stimmte der Gastreferent Guillaume Chenevière, Leiter der Stiftung «Medien und Gesellschaft» und aktives Mitglied der «Schweizer Plattform zur Informationsgesellschaft» www.comunica-ch.net, vehement zu. Chenevière war von 1992 bis zu seiner Pensionierung vor einigen Jahren Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der welschen Schweiz. Gerade auch im Bereich der digitalen Medien müsse das Prinzip des Service Public angewendet werden, erklärte er, denn: «Wissen und Information sind öffentliche Güter und müssen öffentlich zugänglich bleiben. Wissen und Information sollen nicht auf vermarktbare Grössen reduziert werden», wie der erste, kämpferische Grundsatz von «comunica-ch» lautet.

Von GPL zu CC und zurück zu GPL
Hauptreferent der vom Zürcher Medienwissenschaftler Felix Stalder moderierten Veranstaltung war der deutsche Soziologe Volker Grassmuck. Grassmucks Studie «Freie Software, Zwischen Privat- und Gemeineigentum» von 2001 bietet nach wie vor eine grundlegende Einführung in das Prinzip «Digitale Allmend», eine Art Verankerung des Public-Domain-Prinzips im deutschsprachigen Kulturraum. Mit «The Wizards of OS», mit der Initiative www.privatkopie.net oder der Informationsplattform www.irights.info verbindet Grassmuck seine wissenschaftliche Forschung mit politischem Engagement. Laut Grassmuck wäre die für Software entwickelte G(eneral) P(ublic) L(icense) eigentlich auch für Privatanwender genügend. Die Creative-Commons-Bewegung von Lawrence Lessig hingegen erkennt hier eine Lücke: Die GPL, das Rückgrat der ursprünglichen Open-Source-Bewegung, sei für Laien zu aufwändig, weil auf die komplexe Materie Software zugeschnitten. Mit GPL könnten zum Beispiel Texte nicht in vernünftiger Frist zur Weiterbearbeitung zur Verfügung gestellt werden. Darum bietet Creative Commons besondere, einfach zu handhabende Lizenzen an, mit denen jeder mit wenig Aufwand entscheiden kann, welche seiner Urheberrechte er geltend machen, auf welche er verzichten will. (Siehe unseren Artikel zu Creative Commons vom 25. April dieses Jahres)

Laut Grassmuck hat sich jedoch herausgestellt, dass 60% der CC-Lizenznehmer ihre Werke nicht weiterbearbeiten lassen. Dies ist für Grassmuck symptomatisch: Die Anwendung einer CC-Lizenz beinhaltet nicht die Entscheidung für das Open-Source-Prinzip, eine CC-Lizenz kann alles beinhalten, was das Urheberrecht vorsieht. Das würde heissen, dass CC das Prinzip Open Source nicht nachhaltig stärken kann. Demgegenüber, so Grassmuck, besitzt die GPL eine klare Ausrichtung und liesse sich für den Privatgebrauch durchaus nutzen.

Von xs4all to a2k
Den ersten Teil seiner Ausführungen, das Plädoyer für GPL, charakterisierte Grassmuck gleich selbst als die «luftigen Höhen Utopias». Danach sprach er über die sogenannte «Development Agenda» der WIPO, der World International Property Organisation, mit anderen Worten über die politischen Bemühungen, dem Prinzip des offenen Wissenszugangs im globalen Rahmen von WIPO oder UNO Gewicht zu verleihen. Grassmuck wie auch Chenevière gaben Einblick in die verwirrende und ermüdende Welt der globalen Konferenzen, Aktionspläne, provisorischen Entwürfe und vorläufigen Erklärungen.

In den 90er Jahren hiess der Slogan «Acces for All». Das Kürzel «xs4all» war zugleich der Name eines holländischen Pionier-Providers, der für das Ringen um einen umfassenden öffentlichen Netzzugang stand. Heutzutage ist es offenbar das Kürzel «a2k», «Access to Knowledge», das den Weg zur aktuellen Debatte bahnt. Mit dem Abkommen über Zugang zu Wissen (Access to Knowledge (A2K) Treaty), welches im Rahmen der von verschiedenen Entwicklungsländern initiierten «Entwicklungs-Agenda» der WIPO erarbeitet wird, soll auf internationaler Ebene ein fairer und auch für Entwicklungsländer sinnvoller Umgang mit Informationsgütern etabliert werden.

Fazit der Veranstaltung zur komplxen Materie: Die Öffentlichkeit braucht noch einiges Wissen mehr, um sich allenfalls den Zugang zu demselben wirksam sichern zu können.

   
Links:

»www.comunica-ch.net, die Schweizer Plattform zur Informationsgesellschaft
»Zum Herunterladen: das Buch «Freie Software» (2001) von Volker Grassmuck
»Zum Verein «Digitale Allmend»
»www.cptech.org/a2k und »www.access2knowledge.org/cs über das Abkommen «a2k»
»unser Artikel zu Creative Commons vom 25. April 2005