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01.08.06
«Gemeinsam einen solchen Raum hier zu denken»
Mario Purkathofer im Gespräch über den Zürcher Raum Dock18

An der Grubenstrasse, unweit der S-Bahn-Haltestelle Binz in Zürich, hat Anfang Mai ein neuer Raum für «Medien- und Computerkultur» eröffnet: das Dock18. Dock18 funktioniert als Treffpunkt für verschiedene Kooperationspartner und ihr jeweiliges Publikum aus Kunst, Technologie, Musik, Theorie und politischem Aktivismus im Bereich der Informationspolitik. Mario Purkathofer, den clickhere am 28. Juli zum Gespräch traf, ist einer der Inititanten. Der österreichische Künstler studierte ab 1998 «Neue Medien» an der HGK Zürich, blieb in der Stadt und organisert unter dem Label «wildprovider» gemeinsam mit Kollegen Ausstellungen und Veranstaltungen. Annina Zimmermann erzählte er von der Gründung des Dock18 und der von ihm zur Eröffnung kuratierten Ausstellung «Travelling New Territories».

Mario Purkathofer: Du kommst ja aus Basel. Die Leute fragen uns ja immer, seid ihr sowas wie das [plug.in]? Ich sage dann, naja, so etwas Ähnliches. Einfach, dass wir eine andere Organisationsform haben. Wir sind ja noch ganz neu, alles ist noch recht chaotisch... Wir wollten etwas in Zürich machen, um Neue Medien-Arbeiten auch zu vermitteln. Wie kann man eine Mischung schaffen und nicht nur Kunst, auch breiter zum Beispiel Vorträge hineinnehmen, Workshops, bis hin zu technischen und politischen Beiträgen? So haben wir uns entschlossen, gemeinsam mit verschiedenen Betreibern einen Raum zu bespielen.

Den Verein «wildprovider» habe ich ja mit ein paar anderen gegründet, die auch aus dem Medienkunstbereich der HGKZ kommen. Wir wollen kuratorische Konzepte entwickeln, die direkt auf die Arbeiten eingehen und dabei neue Möglichkeiten finden, auf ein Publikum auch zuzugehen. Es hat sich dann herausgestellt, dass eine sehr grosse Nachfrage nach einem Raum für Veranstaltungen besteht. Neben uns als Wildprovider sind Chaostreff dabei, ein Ableger des Chaos-Computer-Club, aber auch Sonic Squirrel und das Atelier Anorg, die im Bereich elektronische Musik aktiv sind und Konzerte und Parties organiseren. Alle vier Betreiber-Vereine teilen sich nun die Miete und müssen für die Veranstaltungen, die sie verantworten, das Geld auftreiben. Auch Trash.net unterstützt das Projekt, ein Service-Provider, der Infrastruktur zur Verfügung stellt und freie Software und Inhalte fördert. Dazu kommen Externe, wie die HGKZ mit dem digitalen Salon, die zwar bis jetzt noch nichts gemacht haben. Aber auch das ist eine geile Partnerschaft: Sie werden einzelne Veranstaltungen unterstützen und zum Teil die Publikationen mitfinanzieren.


Benutzer-freundlich: Mario Purkathofer organisierte die Eröffnungs-Ausstellung des kollektiv betriebenen Raum Dock18.

Die Ausstellung, mit der wir den Raum eröffnet haben, heisst «Travelling New Territories» und online «Sofatrips.com». Wir gaben der Ausstellung die Hülle eines Reisebüros und machten bisher vier Rundgänge und Reisen in die Informationsgesellschaft. Als erstes sind wir mit etwa 15 Leuten ins CERN gefahren. Seither hatten wir mehr Zeit für Medienarbeit und auch mehr Besucher. Für die letzten Stadtrundfahrt haben wir von hier aus ein Email verschickt und dann per Velo alle Server besucht in Zürich, an denen diese Mail auch wirklich ankommt. Das dauerte so zwei Stunden. Aus der Ausstellung nehmen wir auf die Reise jeweils einzelne Objekte mit, kommunizieren unterwegs über sie und probieren sie aus.

Clickhere: Ist das der gemeinsame Nenner der Ausstellungsobjekte, dass sie mobil sind?
Genau. Man kennt ja diese Gadgets-Ecke aus den Zeitschriften – nur sind es bei uns eben künstlerische Objekte. Eines ist ein Nokia, das gibt es so noch nicht am Markt. Darauf läuft zur Zeit die Webseite O-N-N.org von Marc Lee. In den vernetzten Magazinen des «Open News Network» wurde während der letzten Monate permament über unsere Ausstellung berichtet. Uns ist wichtig, die Objekte nicht nur in der Ausstellung vorzustellen; wir wollen damit auch arbeiten und jeweils einen Weg, einen echten Grund finden, sie auch einzusetzen.

Marc Lee lebt in Zürich. Kennst du die Teilnehmenden der Ausstellung alle persönlich? Oder wie kam die Recherche zu Stande?

Es sind schon viele Leute aus Zürich dabei, aber auch ein paar aus Österreich, etwa Arnold Reinthaler, der eher Kommunikations- und systemkritische Arbeiten macht. Das war sehr lustig: Wir haben alle im Bus auf der Reise ins CERN stricken gelernt. Es sollte eine Weste werden für Tim Berners-Lee, der ja am CERN das Web erfunden hat, nun wird es wohl eher ein symbolhaftes Objekt... Mir ist es wichtig, auch ganz analoge Sachen einzubeziehen, sich aus dem elektronischen raus auch in den Raum hineinzuhäkeln.

Der Titel der Ausstellung kann einen ja leicht hinters Licht führen. «Sofatrips» assoziert die virtuelle Reise: bequem im Sofa sitzen bleiben und die digitale Datenbahn beamt dich mühelos weg. Du suchst aber gerade umgekehrt das zäh Analoge.

Genau damit spielen wir. Die Informationswelt ist ja schon vom Sofa aus zu konsumieren. Mein Bewegungsraum besteht in etwa darin, dass ich ein Kabel einstecke - und gleichzeitig spricht man vom globalen Netzwerk. Die Idee der Sofatrips ist, zumindest die lokalen Netzwerke erfahrbar zu machen.

Den Raum habt ihr längerfristig angemietet?

Auf drei Jahre. Begonnen haben wir mit dieser Ausstellung, einer Einreichung bei Sitemapping. Eines der zentralen Anliegen war, mit dem Geld einen Raum zu initiieren in Zürich. Wir haben etwa ein halbes Jahr gebraucht, diesen Raum zu finden und Partner, um das gemeinsam auf die Beine zu stellen. Das hat bisher recht gut funktioniert.

Ausstellungsraum, Bar - und jetzt richtet ihr noch Arbeitsplätze ein?

Zur Zeit benutze ich einen von drei Arbeitsplätzen. Wir versuchen aber noch zwei weitere Arbeitsräume einzurichten, so dass wir für spätere Ausstellungen den Gästen für ein paar Wochen einen Ort anbieten können. Jeder der vier Vereine schickt ein Mitglied in die Programm-Crew, die gemeinsam plant. Ideen bringen alle vier ein, die sich auch gegenseitig sehr befruchten. Beim Radio diese Woche zum Beispiel machen alle mit. Es ist schon spannend, so eng zusammenzuarbeiten. Bei Chaostreff sind ETH-Studenten dabei, die sehr technologisch orientiert sind. Und die Leute von der Digitalen Allmend bearbeiten eher politische Themen. Wenn man ständig beieinander sitzt, dann färbt das so ein bisschen ab. Und man kann auch die Kompetenzen untereinander aufteilen und muss nicht zum Beispiel als Medienkünstler Politik machen - ist ja oft eher fatal, wenn man versucht, diese Themen selber zu behandeln, dann aber überall anstösst, weil das ja eigentlich ein 100%-Job ist...


Auch die Leute von Sonic Squirrel benutzen trotz Eichenhörnchen-schlauer Klettertechnik für die Montage der mobilen Antenne von LoRa Holzlatten aus dem Baumarkt...

Da alle vier Vereine Miete zahlen, fliessen schon auch persönliche Gelder ein. Der Betrieb ist, inkl. der Bareinnahmen, praktisch kostendeckend – aber damit ist noch kein Programm bezahlt. Ich fände es schon extrem wichtig, auf die Dauer auch Honorare bezahlen zu können. Aber im Moment arbeiten alle wirklich aus dem eigenen Interesse heraus und sind schon sehr aktiv.

Welche Arbeiten hast du nun für die Ausstellung zusammengestellt?

Zum Beispiel haben wir lange überlegt, wie wir den Kulturminister einbeziehen können. Schliesslich haben wir von Heinrich Gartentor eine Maske produziert, denn er hatte praktisch keine Zeit, nie. Da haben wir ihn eben geklont, vervielfältigt. Was respräsentiert den Kulturminister? Den Politiker an sich repräsentiert sein Gesicht.

Warum findest du den Kulturminister ein interessantes Projekt?
Es gibt in der Schweiz ja nicht viele, die sich mit kulturpoltischen Fragen auseinandersetzen. In Österreich ist das anders, es gibt extrem viel politische Unterstützung für Künstler. In der Schweiz wird das irgendwie abgeschoben auf Stiftungen, Kantone.

Andere Ausstellungsobjekt sind gerade unterwegs, denn man kann sich diese Sachen ja borgen. Das Handy mit «Semipedia» von Alexis Rondeau und Stan Wiechers hat sich jemand ausgeliehen. Dabei kann man sich eine Software aufs Handy laden, im Internet einen Code erstellen zu einzelnen Wikipedia-Seiten und ihn dann zum Beispiel als Tag an Gebäude kleben. Wer den Tag dann mit dem Handy abfilmt, kann direkt die Wiki-Information zu diesem Ort abfragen. Auf unseren Reisen haben wir alle Orte mit diesem Code markiert. Die beiden Autoren - der eine aus New York, der andere aus Wien - würde ich auch gerne mal einladen. In der Schweiz gibt es ein ähnliches System; das alles ist aber zum jetzigen Zeitpunkt noch sehr teuer und läuft noch harzig: Man muss mit diesem Gerät unterwegs sein und es funktionieren auch noch nicht alle Tags. Aber grundsätzlich ist das eigentlich schon im Kommen.

Wieder interessiert dich die Verknüpfung von haptischer und digitaler Welt.
Jedes dieser Objekte steht quasi symbolhaft für eine bestimmte Handlungsweise oder Möglichkeit, sich in einer Informationswelt zu bewegen. Ein MP3-Player etwa hat 40 Tracks von Sonic Squirrel geladen und steht für eigene Vertriebsnetze und freien Tausch von Musik. FoeBuD aus Deutschland produziert seine eigenen Gadgets. Hier in der Ausstellung geht es um die RFID-Chips, für die ja zur Zeit auch in der Schweiz heftig lobbyiert wird. Mit FoeBuD’s Detektor kann ich, wenn ich so circa 40 cm in die Nähe eines RFID-Ablesegerät komme, das erkennen. Ich kann mich vor Registrierung schützen, mit einer Folie zum Beispiel, oder den Chip mit FoeBuD’s Zange entfernen. Oder dann weiss ich zumindest Bescheid. Mir gefällt FoeBuD’s schneller und direkter Umgang mit solch’ virulenten Themen, dass sie gleich ein Objekt basteln und es in einem Shop online vertreiben.

Und was genau macht den rollenden Vulkan von Zeljka Marusic und Andreas Helbling zu Medienkunst?
Der spuckt eigentlich auch Feuer, ist nur gerade nicht eingesteckt. Die beiden bauen ja viele solche Objekte und meist grössere Videoinstallationen. Ich fand es ein ideales Teil, weil es eben auch mobil ist – aber eben auch nur genau so lange, wie das Kabel lang ist. Jedes dieser Objekte hat eine andere Distanz, eine Reichweite. Andere haben eine Batteriedauer oder funktionierten vielleicht nur im Bereich eines WLan.

Das Versprechen der Mobilität...
...ist eben immer begrenzt: Man muss sich im Einflussbereich befinden einer gewissen Quelle, eines Senders zum Beispiel.

Du selbst bist auch Autor von künstlerischen Arbeiten. Das steht wohl zur Zeit eher im Hintergrund, wo du als Kurtator so aktiv bist?

Ich würde gerne wieder bei einem Projekt ansetzen, das wir als Gruppe FOK 2003 bei der ars electronica gemacht haben: den Teleklettergarten, eine riesige, funktionstüchtige Tastatur, kletternd bedienbar. Mich interessieren solche grosse Geschichten, grosse Installationen in der Stadt. Aber zur Zeit beschäftigt mich schon sehr das Kuratorische, gemeinsam einen solchen Raum hier überhaupt zu denken, in Zürich umzusetzen und zu lokalisieren.

Information:

Das Dock18 wird betrieben von den Veranstaltungs- und Kooperationspartnerinnen: Wildprovider, Trash.net, Chaostreff Zürich, Atelier Anorg.net, Verein Digitale Allmend, SheGeeks. Gemeinsam planen sie Ausstellungen, Musikveranstaltungen (Creative Commons Sofaclub C.C.S.C, Noise Konzertreihe), Vorträge, Workshops, wöchentliche und monatliche Meetings (Chaostreff), Filmvorführungen, Webradiostudio (Kanal7), Shows.

Dock 18, Raum für Medienkulturen, Grubenstrasse 18, Zürich
Ausstellung «Travelling New Territories», verlängert bis 6. August, geöffnet Montag bis Sonntag, 19.00 bis 22.00 Uhr.

Links: »zur Carmen Weisskopfs Besprechung der Ausstellung «Travelling New Territories» vom 26. Juli 2006
»zur Biografie von Mario Purkathofer
»kanal 7
»www.dock18.ch