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Mario Purkathofer: Du kommst ja aus Basel. Die Leute fragen
uns ja immer, seid ihr sowas wie das [plug.in]? Ich sage dann, naja, so
etwas Ähnliches. Einfach, dass wir eine andere Organisationsform
haben. Wir sind ja noch ganz neu, alles ist noch recht chaotisch... Wir
wollten etwas in Zürich machen, um Neue Medien-Arbeiten auch zu vermitteln.
Wie kann man eine Mischung schaffen und nicht nur Kunst, auch breiter
zum Beispiel Vorträge hineinnehmen, Workshops, bis hin zu technischen
und politischen Beiträgen? So haben wir uns entschlossen, gemeinsam
mit verschiedenen Betreibern einen Raum zu bespielen.
Den Verein «wildprovider» habe ich ja mit ein paar anderen
gegründet, die auch aus dem Medienkunstbereich der HGKZ kommen. Wir
wollen kuratorische Konzepte entwickeln, die direkt auf die Arbeiten eingehen
und dabei neue Möglichkeiten finden, auf ein Publikum auch zuzugehen.
Es hat sich dann herausgestellt, dass eine sehr grosse Nachfrage nach
einem Raum für Veranstaltungen besteht. Neben uns als Wildprovider
sind Chaostreff dabei, ein Ableger des Chaos-Computer-Club, aber auch
Sonic Squirrel und das Atelier Anorg, die im Bereich elektronische Musik
aktiv sind und Konzerte und Parties organiseren. Alle vier Betreiber-Vereine
teilen sich nun die Miete und müssen für die Veranstaltungen,
die sie verantworten, das Geld auftreiben. Auch Trash.net unterstützt
das Projekt, ein Service-Provider, der Infrastruktur zur Verfügung
stellt und freie Software und Inhalte fördert. Dazu kommen Externe,
wie die HGKZ mit dem digitalen Salon, die zwar bis jetzt noch nichts gemacht
haben. Aber auch das ist eine geile Partnerschaft: Sie werden einzelne
Veranstaltungen unterstützen und zum Teil die Publikationen mitfinanzieren.

Benutzer-freundlich: Mario Purkathofer organisierte
die Eröffnungs-Ausstellung des kollektiv betriebenen Raum Dock18.
Die Ausstellung, mit der wir den Raum eröffnet haben, heisst «Travelling
New Territories» und online «Sofatrips.com». Wir gaben
der Ausstellung die Hülle eines Reisebüros und machten bisher
vier Rundgänge und Reisen in die Informationsgesellschaft. Als erstes
sind wir mit etwa 15 Leuten ins CERN gefahren. Seither hatten wir mehr
Zeit für Medienarbeit und auch mehr Besucher. Für die letzten
Stadtrundfahrt haben wir von hier aus ein Email verschickt und dann per
Velo alle Server besucht in Zürich, an denen diese Mail auch wirklich
ankommt. Das dauerte so zwei Stunden. Aus der Ausstellung nehmen wir auf
die Reise jeweils einzelne Objekte mit, kommunizieren unterwegs über
sie und probieren sie aus.
Clickhere: Ist das der gemeinsame Nenner der Ausstellungsobjekte,
dass sie mobil sind?
Genau. Man kennt ja diese Gadgets-Ecke aus den Zeitschriften – nur
sind es bei uns eben künstlerische Objekte. Eines ist ein Nokia,
das gibt es so noch nicht am Markt. Darauf läuft zur Zeit die Webseite
O-N-N.org von Marc Lee. In den vernetzten Magazinen des «Open News
Network» wurde während der letzten Monate permament über
unsere Ausstellung berichtet. Uns ist wichtig, die Objekte nicht nur in
der Ausstellung vorzustellen; wir wollen damit auch arbeiten und jeweils
einen Weg, einen echten Grund finden, sie auch einzusetzen.
Marc Lee lebt in Zürich. Kennst du die Teilnehmenden der Ausstellung
alle persönlich? Oder wie kam die Recherche zu Stande?
Es sind schon viele Leute aus Zürich dabei, aber auch ein paar aus
Österreich, etwa Arnold Reinthaler, der eher Kommunikations- und
systemkritische Arbeiten macht. Das war sehr lustig: Wir haben alle im
Bus auf der Reise ins CERN stricken gelernt. Es sollte eine Weste werden
für Tim Berners-Lee, der ja am CERN das Web erfunden hat, nun wird
es wohl eher ein symbolhaftes Objekt... Mir ist es wichtig, auch ganz
analoge Sachen einzubeziehen, sich aus dem elektronischen raus auch in
den Raum hineinzuhäkeln.
Der Titel der Ausstellung kann einen ja leicht hinters Licht führen.
«Sofatrips» assoziert die virtuelle Reise: bequem im Sofa
sitzen bleiben und die digitale Datenbahn beamt dich mühelos weg.
Du suchst aber gerade umgekehrt das zäh Analoge.
Genau damit spielen wir. Die Informationswelt ist ja schon vom Sofa aus
zu konsumieren. Mein Bewegungsraum besteht in etwa darin, dass ich ein
Kabel einstecke - und gleichzeitig spricht man vom globalen Netzwerk.
Die Idee der Sofatrips ist, zumindest die lokalen Netzwerke erfahrbar
zu machen.
Den Raum habt ihr längerfristig angemietet?
Auf drei Jahre. Begonnen haben wir mit dieser Ausstellung, einer Einreichung
bei Sitemapping. Eines der zentralen Anliegen war, mit dem Geld einen
Raum zu initiieren in Zürich. Wir haben etwa ein halbes Jahr gebraucht,
diesen Raum zu finden und Partner, um das gemeinsam auf die Beine zu stellen.
Das hat bisher recht gut funktioniert.
Ausstellungsraum, Bar - und jetzt richtet ihr noch Arbeitsplätze
ein?
Zur Zeit benutze ich einen von drei Arbeitsplätzen. Wir versuchen
aber noch zwei weitere Arbeitsräume einzurichten, so dass wir für
spätere Ausstellungen den Gästen für ein paar Wochen einen
Ort anbieten können. Jeder der vier Vereine schickt ein Mitglied
in die Programm-Crew, die gemeinsam plant. Ideen bringen alle vier ein,
die sich auch gegenseitig sehr befruchten. Beim Radio diese Woche zum
Beispiel machen alle mit. Es ist schon spannend, so eng zusammenzuarbeiten.
Bei Chaostreff sind ETH-Studenten dabei, die sehr technologisch orientiert
sind. Und die Leute von der Digitalen Allmend bearbeiten eher politische
Themen. Wenn man ständig beieinander sitzt, dann färbt das so
ein bisschen ab. Und man kann auch die Kompetenzen untereinander aufteilen
und muss nicht zum Beispiel als Medienkünstler Politik machen - ist
ja oft eher fatal, wenn man versucht, diese Themen selber zu behandeln,
dann aber überall anstösst, weil das ja eigentlich ein 100%-Job
ist...

Auch die Leute von Sonic Squirrel benutzen trotz
Eichenhörnchen-schlauer Klettertechnik für die Montage der mobilen
Antenne von LoRa Holzlatten aus dem Baumarkt...
Da alle vier Vereine Miete zahlen, fliessen schon auch persönliche
Gelder ein. Der Betrieb ist, inkl. der Bareinnahmen, praktisch kostendeckend
– aber damit ist noch kein Programm bezahlt. Ich fände es schon
extrem wichtig, auf die Dauer auch Honorare bezahlen zu können. Aber
im Moment arbeiten alle wirklich aus dem eigenen Interesse heraus und
sind schon sehr aktiv.
Welche Arbeiten hast du nun für die Ausstellung zusammengestellt?
Zum Beispiel haben wir lange überlegt, wie wir den Kulturminister
einbeziehen können. Schliesslich haben wir von Heinrich Gartentor
eine Maske produziert, denn er hatte praktisch keine Zeit, nie. Da haben
wir ihn eben geklont, vervielfältigt. Was respräsentiert den
Kulturminister? Den Politiker an sich repräsentiert sein Gesicht.
Warum findest du den Kulturminister ein interessantes
Projekt?
Es gibt in der Schweiz ja nicht viele, die sich mit kulturpoltischen Fragen
auseinandersetzen. In Österreich ist das anders, es gibt extrem viel
politische Unterstützung für Künstler. In der Schweiz wird
das irgendwie abgeschoben auf Stiftungen, Kantone.
Andere Ausstellungsobjekt sind gerade unterwegs, denn man kann sich diese
Sachen ja borgen. Das Handy mit «Semipedia» von Alexis Rondeau
und Stan Wiechers hat sich jemand ausgeliehen. Dabei kann man sich eine
Software aufs Handy laden, im Internet einen Code erstellen zu einzelnen
Wikipedia-Seiten und ihn dann zum Beispiel als Tag an Gebäude kleben.
Wer den Tag dann mit dem Handy abfilmt, kann direkt die Wiki-Information
zu diesem Ort abfragen. Auf unseren Reisen haben wir alle Orte mit diesem
Code markiert. Die beiden Autoren - der eine aus New York, der andere
aus Wien - würde ich auch gerne mal einladen. In der Schweiz gibt
es ein ähnliches System; das alles ist aber zum jetzigen Zeitpunkt
noch sehr teuer und läuft noch harzig: Man muss mit diesem Gerät
unterwegs sein und es funktionieren auch noch nicht alle Tags. Aber grundsätzlich
ist das eigentlich schon im Kommen.
Wieder interessiert dich die Verknüpfung von haptischer
und digitaler Welt.
Jedes dieser Objekte steht quasi symbolhaft für eine bestimmte Handlungsweise
oder Möglichkeit, sich in einer Informationswelt zu bewegen. Ein
MP3-Player etwa hat 40 Tracks von Sonic Squirrel geladen und steht für
eigene Vertriebsnetze und freien Tausch von Musik. FoeBuD aus Deutschland
produziert seine eigenen Gadgets. Hier in der Ausstellung geht es um die
RFID-Chips, für die ja zur Zeit auch in der Schweiz heftig lobbyiert
wird. Mit FoeBuD’s Detektor kann ich, wenn ich so circa 40 cm in
die Nähe eines RFID-Ablesegerät komme, das erkennen. Ich kann
mich vor Registrierung schützen, mit einer Folie zum Beispiel, oder
den Chip mit FoeBuD’s Zange entfernen. Oder dann weiss ich zumindest
Bescheid. Mir gefällt FoeBuD’s schneller und direkter Umgang
mit solch’ virulenten Themen, dass sie gleich ein Objekt basteln
und es in einem Shop online vertreiben.
Und was genau macht den rollenden Vulkan von Zeljka
Marusic und Andreas Helbling zu Medienkunst?
Der spuckt eigentlich auch Feuer, ist nur gerade nicht eingesteckt. Die
beiden bauen ja viele solche Objekte und meist grössere Videoinstallationen.
Ich fand es ein ideales Teil, weil es eben auch mobil ist – aber
eben auch nur genau so lange, wie das Kabel lang ist. Jedes dieser Objekte
hat eine andere Distanz, eine Reichweite. Andere haben eine Batteriedauer
oder funktionierten vielleicht nur im Bereich eines WLan.
Das Versprechen der Mobilität...
...ist eben immer begrenzt: Man muss sich im Einflussbereich befinden
einer gewissen Quelle, eines Senders zum Beispiel.
Du selbst bist auch Autor von künstlerischen Arbeiten. Das steht
wohl zur Zeit eher im Hintergrund, wo du als Kurtator so aktiv bist?
Ich würde gerne wieder bei einem Projekt ansetzen, das wir als Gruppe
FOK 2003 bei der ars electronica gemacht haben: den Teleklettergarten,
eine riesige, funktionstüchtige Tastatur, kletternd bedienbar. Mich
interessieren solche grosse Geschichten, grosse Installationen in der
Stadt. Aber zur Zeit beschäftigt mich schon sehr das Kuratorische,
gemeinsam einen solchen Raum hier überhaupt zu denken, in Zürich
umzusetzen und zu lokalisieren. |