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«Wir haben ein Loch in die chinesische Firewall geschlagen»,
erklären Christoph Wachter und Mathias Jud auf ihrer Website »www.picidae.net.
«Picidae» ist der lateinische Begriff für «Spechte» - und Mauerspechte
nannte man diejenigen, die Löcher in die Berliner Mauer schlugen. Der
von Wachter und Juds Kunstprojekt Picidae in Aussicht gestellte Mauer-Durchblick
ist ein digitaler, die Mauer die berüchtigte Golden-Shield-Firewall, welche
die heute rund 172 Millionen chinesischen Internet-Nutzerinnen und Nutzer
vor bestimmten Informationen «schützt» - zum Beispiel vor Informationen
über das Tiananmen-Massaker. Die Grundidee, mit der Picidae die auf 30'000
beschäftigte Personen geschätzte und mit neuster – westlicher - Technologie
hochgerüstete chinesische Zensur durchlöchern will, klingt märchenhaft
einfach: Picidae verwandelt HTML-Websiten mittels eines relativ simplen
Programms in Bild-Dateien. Als Bilder können diese Webseiten von der gängigen
Zensurtechnologie nicht mehr erfasst werden, denn deren Massnahmen basieren
auf einer Textanalyse des Quellcodes.

Christoph Wachter und Mathias Jud beim Besteigen
der chinesischen (Fire-) Wall
Auf einer China-Reise diesen Frühling haben Wachter und Jud ihr Projekt
getestet, indem sie von chinesischen Internet-Cafés aus das Script, das
auf einem in Zürich aufgesetzten Server liegt, aufriefen. Dieses besteht
auf der Benutzeroberfläche nur aus einem URL-Eingabefeld – da sich dieses
grafische Element definitiv nicht automatisch herausfiltern lässt. Was
man in dieses Eingabefeld eintippt, wird mittels eines separaten (Java)-Scripts
codiert und so für die maschinelle Analyse unlesbar. In diesem Eingabefeld
haben Wachter und Jud die amerikanische Suchmaschine www.google.com, zur
Bilddatei umgerechnet, aufgerufen.

Selbstversuch im Internetkaffee vor Ort: Screenshot
aus Shanghai
Entscheidend ist bezüglich der Nutzung der Suchmaschinen in Bildform,
dass Picidae die Links und die basalen Funktionen wie Such-Eingabefelder
reproduzieren kann. Wachter und Jud haben eine Suche nach «Tiananmen»
gestartet – und weil Picidae auch diese Suchergebnisse als Bilder codiert,
hatten Wachter und Jud so in Sekundenschnelle all die brisanten Links
und Bilder auf dem chinesischen Rechner, die ein Google-Benützer in Zürich
geboten bekommt, die aber von der chinesischen Firewall normalerweise
herausgefiltert werden. Im Testvergleich, ohne den Umweg über den Zürcher
Picidae-Server, scheiterte die Google-Suche der Wortfolge «Tiananmen Demokratie
Massaker»: Als Ergebnis erschien, wie es neugierigere Chinesen zur Genüge
kennen müssen, die unverbindlich wirkende, in Wahrheit massive Zensur
kaschierende Mitteilung, dass die Verbindung während des Ladens zurückgesetzt
worden sei.
Ob Picidae nicht nur so lange funktioniert, bis einer der 30'000 chinesischen
Zensoren – oder wo immer Zensoren am Werk sind - den Zürcher Server auf
eine schwarze Liste setzt und den Zugang für die eigenen Internet-Nutzer
blockiert? Das hängt von der nicht-trivialen Bedingung ab, dass sich eine
unüberblickbare Community bildet. Eine Community muss Picidae als Server
auf dem eigenen Rechner oder als Proxy-Server auf dem Web-Account installieren,
anbieten und dermassen streuen, dass der weltweite Zugriff auf das Programm
nicht unterbunden werden kann.

Nur breit verteilte Umwege führen zu unzensurierter
Information: ein Netz von Picidae-Servern zur Umgehung der chinesischen
Zensur
Chinas Firewall ist für Wachter und Jud, die sich in ihrem anderen grossen
Projekt www.zone-interdite.net mit der Wahrnehmung militärischer Sperrzonen
auseinandersetzen, nur ein besonders augenfälliges Beispiel. Sie interessiert
ganz grundsätzlich die Fremdbestimmung von Wahrnehmung. Das technisch
komplexe und dadurch vielfach manipulierbare Medium Internet fügt dieser
Geschichte der Fremdbestimmung ein weiteres Kapitel hinzu. Die einstige
Vision des Internet als des einen globalen Dorf-Wissen, das allen gleichermassen
zugänglich sei, hat sich nicht wirklich realisiert. Je nach Land, aber
auch je nach Provider, variiert der Zugang in einer immer weniger durchschaubaren
Weise. Die Crux ist für Wachter und Jud, dass wir die Bedingtheit unseres
individuellen Netz-Zuganges normalerweise gar nicht wahrnehmen können,
da uns die Vergleichsbasis fehlt. Picidae ermöglicht nun den Vergleich
mit all den Orten, wo ein solcher Server installiert wird. Schön wäre
es, auch einen Picidae-Server in China zu haben, meint Wachter: Aber weniger
damit wir uns versichern könnten, wie freiheitlich wir im Gegensatz zu
China das Netz nutzen, sondern damit wir vor Augen geführt bekämen, wie
technisch manipulierbar jede, auch die eigene Netz-Nutzung ist.
«Brilliant», «Spitze», «Klasse», «Super» etc.: Die zahlreichen Kommentare,
die seit dem Start auf www.picidae.net eingehen, sind meist euphorisch.
Einige wenige haben das Projekt noch nicht begriffen und gehen davon aus,
dass mit der Sperrung der Website die Aktion beendet wäre: Dass Wachter
und Jud auf eine globale Streuung des Programms spekulieren, wird immer
wieder übersehen. Doch es gibt auch Kritiken, die ernster genommen werden
können. So der Rat eines Thomas, keinesfalls die angebotenen Banner oder
Tags auf der eigenen Homepage zu installieren, denn die Gefahr, gesperrt
zu werden, sei zu gross. Darum ist für Thomas Diskretion wichtig: «Be
careful, picidae can only work as a small, word-by-mouth network. Any
public announcement on a web page will lead to blocking or other unwanted
effects.» Und weiter warnt Thomas, nicht ohne Selbstkritik: «As a paranoid
afterthought: When announcing new servers by email, you better use encrypted
email.»
Das Kunstprojekt Picidae von Wachter und Jud ist kein Als-Ob-Projekt oder
im Jargon der 90er Jahre: kein Hoax, der gar nicht funktioniert, sondern
nur etwas vorgaukelt. Darin ist Picidae verwandt mit etoys gegenwärtigem
Kunstprojekt
Mission Eternity,
einem Totenkult fürs Informationszeitalter.
Beide Projekte reklamieren für sich den Status Kunst ein und wollen aber
zugleich tatsächlich funktionieren. «Mission Eternity» soll ein wirklicher
Ersatz für eine herkömmliche Beerdigung bieten. Picidae hat den Beweis,
in Realität zu funktionieren, schon halb angetreten – beim megalomanen
Projekt «Mission Eternity» dürfte das noch etwas länger dauern.
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