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12.09.07
Das Bild als Tarnkappe gegen Internet-Zensur
Villö Huszai

Seit 14 Tagen ist die Website www.picidae.net der zwei Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud aufgeschaltet. Zahlreiche Kommentare sind seitdem eingegangen – viele euphorische, manche kritische. Bis jetzt überwiegt das Interesse an dem Projekt als ein politisch-aktivistisches und zugleich technisches; der Kunstaspekt steht noch im Hintergrund.

«Wir haben ein Loch in die chinesische Firewall geschlagen», erklären Christoph Wachter und Mathias Jud auf ihrer Website »www.picidae.net. «Picidae» ist der lateinische Begriff für «Spechte» - und Mauerspechte nannte man diejenigen, die Löcher in die Berliner Mauer schlugen. Der von Wachter und Juds Kunstprojekt Picidae in Aussicht gestellte Mauer-Durchblick ist ein digitaler, die Mauer die berüchtigte Golden-Shield-Firewall, welche die heute rund 172 Millionen chinesischen Internet-Nutzerinnen und Nutzer vor bestimmten Informationen «schützt» - zum Beispiel vor Informationen über das Tiananmen-Massaker. Die Grundidee, mit der Picidae die auf 30'000 beschäftigte Personen geschätzte und mit neuster – westlicher - Technologie hochgerüstete chinesische Zensur durchlöchern will, klingt märchenhaft einfach: Picidae verwandelt HTML-Websiten mittels eines relativ simplen Programms in Bild-Dateien. Als Bilder können diese Webseiten von der gängigen Zensurtechnologie nicht mehr erfasst werden, denn deren Massnahmen basieren auf einer Textanalyse des Quellcodes.


Christoph Wachter und Mathias Jud beim Besteigen der chinesischen (Fire-) Wall

Auf einer China-Reise diesen Frühling haben Wachter und Jud ihr Projekt getestet, indem sie von chinesischen Internet-Cafés aus das Script, das auf einem in Zürich aufgesetzten Server liegt, aufriefen. Dieses besteht auf der Benutzeroberfläche nur aus einem URL-Eingabefeld – da sich dieses grafische Element definitiv nicht automatisch herausfiltern lässt. Was man in dieses Eingabefeld eintippt, wird mittels eines separaten (Java)-Scripts codiert und so für die maschinelle Analyse unlesbar. In diesem Eingabefeld haben Wachter und Jud die amerikanische Suchmaschine www.google.com, zur Bilddatei umgerechnet, aufgerufen.


Selbstversuch im Internetkaffee vor Ort: Screenshot aus Shanghai

Entscheidend ist bezüglich der Nutzung der Suchmaschinen in Bildform, dass Picidae die Links und die basalen Funktionen wie Such-Eingabefelder reproduzieren kann. Wachter und Jud haben eine Suche nach «Tiananmen» gestartet – und weil Picidae auch diese Suchergebnisse als Bilder codiert, hatten Wachter und Jud so in Sekundenschnelle all die brisanten Links und Bilder auf dem chinesischen Rechner, die ein Google-Benützer in Zürich geboten bekommt, die aber von der chinesischen Firewall normalerweise herausgefiltert werden. Im Testvergleich, ohne den Umweg über den Zürcher Picidae-Server, scheiterte die Google-Suche der Wortfolge «Tiananmen Demokratie Massaker»: Als Ergebnis erschien, wie es neugierigere Chinesen zur Genüge kennen müssen, die unverbindlich wirkende, in Wahrheit massive Zensur kaschierende Mitteilung, dass die Verbindung während des Ladens zurückgesetzt worden sei.

Ob Picidae nicht nur so lange funktioniert, bis einer der 30'000 chinesischen Zensoren – oder wo immer Zensoren am Werk sind - den Zürcher Server auf eine schwarze Liste setzt und den Zugang für die eigenen Internet-Nutzer blockiert? Das hängt von der nicht-trivialen Bedingung ab, dass sich eine unüberblickbare Community bildet. Eine Community muss Picidae als Server auf dem eigenen Rechner oder als Proxy-Server auf dem Web-Account installieren, anbieten und dermassen streuen, dass der weltweite Zugriff auf das Programm nicht unterbunden werden kann.


Nur breit verteilte Umwege führen zu unzensurierter Information: ein Netz von Picidae-Servern zur Umgehung der chinesischen Zensur

Chinas Firewall ist für Wachter und Jud, die sich in ihrem anderen grossen Projekt www.zone-interdite.net mit der Wahrnehmung militärischer Sperrzonen auseinandersetzen, nur ein besonders augenfälliges Beispiel. Sie interessiert ganz grundsätzlich die Fremdbestimmung von Wahrnehmung. Das technisch komplexe und dadurch vielfach manipulierbare Medium Internet fügt dieser Geschichte der Fremdbestimmung ein weiteres Kapitel hinzu. Die einstige Vision des Internet als des einen globalen Dorf-Wissen, das allen gleichermassen zugänglich sei, hat sich nicht wirklich realisiert. Je nach Land, aber auch je nach Provider, variiert der Zugang in einer immer weniger durchschaubaren Weise. Die Crux ist für Wachter und Jud, dass wir die Bedingtheit unseres individuellen Netz-Zuganges normalerweise gar nicht wahrnehmen können, da uns die Vergleichsbasis fehlt. Picidae ermöglicht nun den Vergleich mit all den Orten, wo ein solcher Server installiert wird. Schön wäre es, auch einen Picidae-Server in China zu haben, meint Wachter: Aber weniger damit wir uns versichern könnten, wie freiheitlich wir im Gegensatz zu China das Netz nutzen, sondern damit wir vor Augen geführt bekämen, wie technisch manipulierbar jede, auch die eigene Netz-Nutzung ist.

«Brilliant», «Spitze», «Klasse», «Super» etc.: Die zahlreichen Kommentare, die seit dem Start auf www.picidae.net eingehen, sind meist euphorisch. Einige wenige haben das Projekt noch nicht begriffen und gehen davon aus, dass mit der Sperrung der Website die Aktion beendet wäre: Dass Wachter und Jud auf eine globale Streuung des Programms spekulieren, wird immer wieder übersehen. Doch es gibt auch Kritiken, die ernster genommen werden können. So der Rat eines Thomas, keinesfalls die angebotenen Banner oder Tags auf der eigenen Homepage zu installieren, denn die Gefahr, gesperrt zu werden, sei zu gross. Darum ist für Thomas Diskretion wichtig: «Be careful, picidae can only work as a small, word-by-mouth network. Any public announcement on a web page will lead to blocking or other unwanted effects.» Und weiter warnt Thomas, nicht ohne Selbstkritik: «As a paranoid afterthought: When announcing new servers by email, you better use encrypted email.»

Das Kunstprojekt Picidae von Wachter und Jud ist kein Als-Ob-Projekt oder im Jargon der 90er Jahre: kein Hoax, der gar nicht funktioniert, sondern nur etwas vorgaukelt. Darin ist Picidae verwandt mit etoys gegenwärtigem Kunstprojekt Mission Eternity, einem Totenkult fürs Informationszeitalter. Beide Projekte reklamieren für sich den Status Kunst ein und wollen aber zugleich tatsächlich funktionieren. «Mission Eternity» soll ein wirklicher Ersatz für eine herkömmliche Beerdigung bieten. Picidae hat den Beweis, in Realität zu funktionieren, schon halb angetreten – beim megalomanen Projekt «Mission Eternity» dürfte das noch etwas länger dauern.

Projekt:

Christoph Wachter und Mathias Jud
»www.picidae.net

Picidae soll, im Rahmen des Programms zu «Access», auch am neuen Basler »Shift Festival vorgestellt werden.