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In den 90er Jahren waren digitale Medien Inbegriff des
technologischen Fortschritts, sie standen für die Überwindung der Realität
durch den menschlichen Erfindergeist, das Superhirn in Chipgrösse war
der Triumph des Menschen über die Natur. Die Ausstellung «Oekomedien –
Ökologische Strategien in der Kunst. In zwei Teilen» in der Basler Kunst-Institution
[plug.in] zeugt von einem ganz anderen Geist. In den Worten der Co-Kuratorin
Yvonne Volkart: «Wir wollen zeigen, dass digitale Medien uns helfen können,
Natur besser wahrzunehmen. Digitale Medien können wahrnehmbar machen,
wie vernetzt alles ist. In einer solchen Perspektive ist der Mensch nicht
Krone der Schöpfung, sondern nur Teil des Systems.»
Franz John, «Turing Tables. An Untitled Composition
for Tectonic Spaces», 2003–2007
Zu dieser Einsicht gehört entweder ein esoterischer, ganzheitlicher Geist,
oder aber ein rebellischer, der gängige Hierarchien unterwandert – oder
vielleicht beides zusammen. Wenn die digitale Kunst der 90er Jahre (damals
Netzkunst genannt) etwas war, dann rebellisch und notorisch subversiv.
Der britische Medien- und Kunsttheoretiker Matthew Fuller, der diesen
Donnerstag im [plug.in] im Rahmen der Ausstellung vortragen wird, begann
seine Karriere in dieser 90er-Jahre-Szene als Mitstreiter des berüchtigten
Londoner Künstlers Graham Harwood und dessen Kollektiv Mongrel. Fuller,
der gegenwärtig am Londoner Goldsmith-Institute forscht, wird über «Art
for Animals» reden und Kunstprojekte vorstellen, in denen die Hierarchie
zwischen Mensch und Tier zur Debatte steht. Er wird dabei – wie es wiederum
schon für die 90er Jahre typisch war – das Kunstsystem selber zum Gegenstand
der Subversion machen, denn was läuft diesem System mehr zuwider als die
Vorstellung, nicht für die Krone der Schöpfung, sondern für Tiere – nicht
über, nein: für Tiere! – Kunst zu machen.
Der Vortrag von Fuller wird ein «Co2-neutraler Live-Videovortrag» in englischer
Sprache sein, so die Veranstalter. Mit anderen Worten wird Fuller nicht
eigens aus London nach Basel jetten. Womit Fuller wie die Veranstalter
belegen, dass sie sich durchaus der Widersprüche bewusst sind, in welche
sich die Kunst, und besonders die technologisch hocharmierte digitale
Kunst, beim Thema Ökologie verstrickt. Der international vernetzte Kunstbetrieb,
so die Kuratorin an einer Diskussion zum Ausstellungsbeginn, der von Kunstplatz
zu Kunstplatz tourt, ist Teil der gegenwärtigen Mobilitätswahnes und damit
des globalen Umweltproblems, mit dem sich die Ausstellung beschäftigt.
Mehr noch gilt das für das Zivilisationsprodukt Computer, dessen Ökobilanz
in mehrerer Hinsicht vernichtend ausfällt – respektive ausfallen würde,
wenn man sie denn thematisieren wollte. Das hat vor kurzem mit seiner
«passé immédiat» genannten Hommage an ausrangierte Computer Christian
Philipp Müller auf subtile Weise getan (siehe »unsere
Besprechung vom 10. April 2007); die gegenwärtige Ausstellung leistet
diese medienkünstlerische Selbstkritik nur erst am Rande.
Was sie aber klug und vielfältig bietet ist ein Einblick in die gegenwärtige
künstlerische Auseinandersetzung mit Umweltfragen und wie digitale Medien dabei ins
Spiel kommen. Mit der Arbeit «Turing
Tables. An Untitled Composition for Tectonic Spaces, 2003-07» von Franz
John führt sie eine Grundleistung der digitalen Medien vor Augen: die
Visualisierung von Umweltdaten. Über eine Internetverbindung werden die
Informationen, die weltweit von tausenden Seismografen registriert werden,
nach Basel übertragen. Die Daten werden an die Wände und Decke eines Ausstellungsraums
projiziert und zugleich in Klänge transformiert. Die Installation lässt
den Betrachter die unzähligen Erdbewegungen als visuelle und akustische
Umwelt erleben. Der Eindruck eines atmenden Wesens, eines vor Lebendigkeit
und zugleich vor Gefahren strotzenden Organismus stellt sich ein; der
Besucher erfährt sich als ein von diesem Organismus umfangenes, als ein
darin verstricktes Wesen. Die Arbeit lässt auch exemplarisch erleben,
wie Sensibilisierung und ästhetisches Vergnügen Hand in Hand gehen können.
Denn, wie Volkart in dem lesenswerten und informativen Katalog, schreibt,
muss Kunst nicht mit der Moralkeule für ökologische Fragen einstehen,
sondern erlaubt es gerade, «Möglichkeiten anzudenken und Fantasien zu
entwickeln (...), in denen eine Umverteilung der Güter als Lust erlebbar
wird – eine Lust, die sich nicht aus Besserwissertum und Askese, sondern
aus der Freude an der Fülle des Planeten und seiner Bewohner und Bewohnerinnen
speist.»
Der Genrebegriff «Oekomedien» dürfte bald verbraucht sein, doch die Botschaft,
dass digitale Kunst und ökologische Fragen viel miteinander zu tun haben,
wird uns noch länger beschäftigen. Im Guten wie im Bösen: Einerseits gibt
es in der Computerkultur viele Ansätze für alternative Wahrnehmungs- und Handlungsweisen,
andererseits ist der Computer als Motor der Globalisierung, als Stromfresser
oder zu entsorgendes Gerät selbst massiver Teil des Problems.
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